ZEIT ONLINE: Dennoch fragt man sich: Hat die Politik zu wenig getan?

Köller: Nach dem Pisa-Schock wurde einiges für die Leseförderung getan, auch im Mathematikunterricht wurde etwas verbessert. Danach ist den Bundesländern dann die Puste ausgegangen. 

Reiss: Die Länder und die Schulen haben die Sprachförderung durchaus weiterhin im Blick. Wir haben das für die aktuelle Studie untersucht. 2009 gab es zusätzlichen Sprachförderunterricht nur für knapp 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler mit anderer Herkunftssprache, 2018 wurde er für gut 67 Prozent angeboten. Das ist ermutigend.

Köller: Formal ist das richtig. Doch oft werden die Förderlehrer – auch wegen des Lehrermangels – stillschweigend als Vertretungslehrer eingesetzt, damit kein Unterricht ausfällt. Zudem läuft die Sprachförderung vielerorts ziemlich planlos. Es gibt bis heute kein nationales und systematisches Sprachförderprogramm. Stattdessen basteln sich die Schulen eigene Konzepte. Da ist dann die Rede davon, das Selbstvertrauen der Schüler zu stärken oder die Lehrer zu coachen. Nur das Wichtigste kommt dabei oft zu kurz: das regelmäßige Lesenüben, etwa durch lautes Vorlesen. Das mag mancher Lehrkraft altmodisch vorkommen, aber flüssig lesen können ist nun einmal die Basis für alles.

ZEIT ONLINE: Wenn in weniger Einwandererfamilien zu Hause Deutsch gesprochen wird, dann sollte man vielleicht daraufhin wirken, dass die Sprache durchgängig in der Schule gesprochen wird. Brauchen wir ein Deutschgebot auf unseren Schulhöfen?

Reiss: Ge- und Verbote bringen erfahrungsgemäß wenig. Aber damit die Kinder richtig lesen und schreiben lernen, müssen sie viele Gelegenheiten bekommen, um Deutsch im Alltag zu sprechen. Dabei kann zum Beispiel ein solides und gutes Ganztagsangebot helfen.

ZEIT ONLINE: Aber die Lerneffekte der Ganztagsschulen sind bislang enttäuschend.

Köller: Weil der Ganztag nicht richtig genutzt wird. Wenn zum Beispiel Ali und Samira oder auch Tom und Marie, vormittags im Unterricht Probleme haben, dann muss die Lehrkraft sie an den Förderlehrer am Nachmittag übergeben, der ganz gezielt mit ihnen übt. An vielen Ganztagsschulen werden die Kinder nachmittags aber nur beaufsichtigt, sie lernen nichts.

Reiss: Genauso wichtig: Die systematische Sprachförderung muss schon in der Vorschulzeit anfangen.

Köller: Die Betonung liegt auf systematisch. In vielen Kindergärten begnügt man sich mit 40 Minuten Sprachförderung pro Woche in altersgemischten Gruppen von 20 Kindern. Das ist absurd. Kinder, die wenig Deutsch können, brauchen eine tägliche Extraförderung.

ZEIT ONLINE: Hat die Bildungspolitik derzeit die Kraft für neue große Anstrengungen?

Reiss: Die Kultusminister haben einen Beitrag dazu geleistet, dass die deutschen Schüler heute in allen Bereichen besser sind als der OECD-Durchschnitt. Aber mit Blick auf die neuen Herausforderungen – insbesondere die gestiegene Zahl der Migrantenschüler – brauchen wir mehr gemeinsam abgestimmte Programme, vor allem bei der Leseförderung, aber auch für die Mathematik.

Köller: Die Bundesländer sind ja gerade dabei, den geplanten Nationalen Bildungsrat zu Grabe zu tragen. Das sollte eine Runde aus Experten und Praktikern sein, die Vorschläge für mehr Qualität im Bildungswesen macht. Stattdessen gehen alle Länder ihre eigenen Wege. Das halte ich für keine gute Entwicklung.

Reiss: Die große Zahl schwacher Schülerinnen und Schüler ist ein nationales Problem. Unsere Gesellschaft kann es sich nicht leisten, das Potenzial dieser jungen Menschen ungenutzt zu lassen. Denken Sie nur an den Fachkräftemangel, der schon heute unsere Wirtschaft schwächt.

ZEIT ONLINE:  Manche Bildungspolitiker kritisieren umgekehrt die Wissenschaft. Sie als Forscher würden immer nur zeigen, was in den Schulen schiefläuft, aber nie konkrete Vorschläge machen, welche Reformen wirken.

Köller: Wenn mich Politiker nach einer konkreten Maßnahme zur Verbesserung der Schulbildung fragen, dann sage ich ihnen: Wir brauchen flächendeckend Vorschulprogramme, wie sie zum Beispiel in den USA entwickelt wurden. Mit vier Jahren werden alle Kinder getestet und die Kinder, die Sprachdefizite aufweisen, müssen verpflichtend mit viereinhalb Jahren auf eine Vorschule. Dort werden sie dann systematisch fit für die Grundschule gemacht. Solche Programme verbessern nicht nur die Schulleistungen, sondern fördern auch die Sozialkompetenz. Jeder Euro, der hier angelegt wird, zahlt sich für die Gesellschaft x-fach aus.

Reiss: Programme wie Pisa lehren uns nicht, wie besserer Unterricht funktioniert. Dafür brauchen wir mehr konkrete Unterrichtsforschung. Das ist in Deutschland aber sehr mühsam, weil die Kultusministerien der Wissenschaft den Zugang zu den Schulen nicht leicht machen. Da wünschte ich mir mehr Unterstützung. Denn die Lehrkräfte und ihr Unterricht entscheiden darüber, was die Kinder und Jugendlichen lernen. Das ist das Kerngeschäft.