Am 19. Januar 2010 verschickte der Jesuitenpater Klaus Mertes einen Brief, der alles änderte: nicht nur die Geschichte des Canisius-Kollegs in Berlin, dessen Rektor Mertes zu diesem Zeitpunkt war, nicht nur die katholische Kirche, zu der das traditionsreiche Gymnasium gehörte. Der Brief veränderte das ganze Land. Dass sexueller Missbrauch von Minderjährigen vorkommt, das wusste man vorher. Aber welches Ausmaß die sexuelle Gewalt hat, begann man erst durch das zu verstehen, was auf den Brief folgte.

In ihm bat Mertes Hunderte Schüler des Canisius-Kollegs aus den Siebziger- und Achtzigerjahren, das Schweigen um die Missbrauchsfälle an der Schule zu brechen. Er wolle nicht, dass man "durch Wegschauen wieder schuldig werde", schrieb er. Zuvor hatten drei ehemalige Schüler ihn aufgesucht und ihm berichtet, wie sie in jener Zeit an seiner Schule durch Geistliche sexuell missbraucht worden waren.

Mertes konnte nicht im Geringsten ahnen, was nach dem Brief auf seine Kirche zukommen würde. Aber er hatte damals schon eine wichtige Sache verstanden: Nicht ihm selbst, keinem Angehörigen der Kirche sollten die Betroffenen ihre Erlebnisse erzählen, sondern einer außenstehenden, unabhängigen Person. Dazu hatte der Orden eine Mediatorin engagiert. Sie sollte vermitteln.

Das Beben begann. In den folgenden Wochen meldeten sich immer mehr der Missbrauchsopfer. Medien berichteten, es gab Pressekonferenzen, Enthüllungen, Anschuldigungen. Und vom Canisius-Kolleg aus verbreitete sich der Skandal durchs Land. Als Nächstes brachen ehemalige Schüler der hessischen Odenwaldschule ihr Schweigen, einer Bildungseinrichtung, die lange Zeit als Heiligtum von Linken und Intellektuellen galt. Nach und nach wurde klar, dass sexueller Missbrauch an Bildungseinrichtungen unterschiedlicher Couleur geschieht, aber ebenso in Sportvereinen und Jugendgruppen – und an unzähligen anderen Orten, an denen Kinder und Erwachsene in einem engen Vertrauensverhältnis zueinander stehen.

Der Prozess der Aufklärung verlief unglaublich zäh

Das ist jetzt zehn Jahre her. Mit Mertes' Brief begann die breite Aufarbeitung von strukturellem sexuellem Kindesmissbrauch. Unfassbar ist aus heutiger Sicht, wie lange es dazu brauchte. Denn eine der erschütterndsten Erkenntnisse aus dieser Geschichte ist, dass viele schon vor dem Januar 2010 etwas wussten – und zwar keineswegs nur die ehemaligen Schülerinnen und Schüler des Canisius-Kollegs. Schon Jahrzehnte davor gab es Gerüchte, am Canisius-Kolleg selbst, an der Odenwaldschule, in unzähligen Kirchengemeinden in Deutschland, in Irland, in den USA. Im Fall der Odenwaldschule hatte es sogar bereits eine Strafanzeige gegeben, die aber wegen Verjährung fallen gelassen worden war. Im Jahr 1999 hatte die Frankfurter Rundschau über die Vorfälle berichtet, aber das blieb ohne Folgen. 

Seither hat sich viel verändert. Es gab runde Tische und Forschungsprojekte und Studien, und doch verlief der Prozess der Aufklärung unglaublich zäh. Bis heute werden Täter systematisch gedeckt, besonders von der Kirche. Und ob die Aufklärung vorangetrieben wird, liegt bis heute oft an den Opfern selbst – so wie der Anstoß für Mertes' Brief vor zehn Jahren von drei ehemaligen Schülern ausging. Die Mächtigen der katholischen Kirche selbst haben zwar häufig und vielfältig um Entschuldigung gebeten. Doch das reicht nicht aus, solange die Täter und jene, die sie systematisch deckten und so den Missbrauch in vielen Fällen erst möglich machten, weiter im Verborgenen bleiben. Denn das bleiben sie häufig, immer noch: Erst im Dezember hat Papst Franziskus über zwei Maßnahmen verfügt, die ermöglichen, dass Aussagen und Informationen in kirchlichen Missbrauchsverfahren an staatliche Strafverfolgungsbehörden weitergegeben werden können. Bis dahin war das Geheimhalten ein Privileg der Kirche.    

Johannes-Wilhelm Rörig, der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, hat anlässlich des zehnten Jahrestags von Mertes' Brief einen gesellschaftlichen Pakt zwischen "Bürgerinnen und Bürgern, von Bund, Ländern und Kommunen, den politischen Parteien, der Zivilgesellschaft wie Kirchen, Wohlfahrt, Sport, aber auch des Gesundheitswesens oder der Internetwirtschaft" gefordert. Er forderte "klare Ziele, verbindliche Maßnahmen und genügend Geld". Das wirkt fast so, als stünden wir zehn Jahre nach dem Öffentlichwerden von systematischem sexuellem Missbrauch erneut am Anfang.

Dabei wusste Pater Mertes damals schon, was es braucht: Mutige, die das Schweigen brechen, wie die ehemaligen Schüler, die zu ihm kamen. Und eine unabhängige Instanz, die sortiert und vermittelt. Wir sollten uns nicht wieder eine Dekade Zeit lassen, bevor wir die Täter endlich zur Verantwortung ziehen.