"Wir sollten kein schlechtes Gewissen erzeugen"

Stefan Behlau (Jahrgang 1974) ist seit 20 Jahren Geschichtslehrer in Haupt- oder Realschulen im Rhein-Sieg-Kreis in Nordrhein-Westfalen. Er ist  Landesvorsitzender des Lehrerverbands VBE (Verband Bildung und Erziehung).

Als ich jung war, konnte ich mich noch mit meinen Großeltern über die Lebensumstände während der Zeit des Nationalsozialismus unterhalten. So wurde für mich auch viele Jahrzehnte später die Reichspogromnacht greifbar. Ich berichtete davon in der Schule, und auch die Erzählungen, die meine Mitschüler zu Hause hörten, waren immer mal wieder Thema im Unterricht. Für uns war es gar keine Frage, dass die deutsche Geschichte etwas mit uns selbst beziehungsweise mit unseren Familien zu tun hatte. Uns alle verband wohl auch ein gemeinsames, latentes Schuldgefühl.

Nach allem, was ich mitbekomme, ist das bei den meisten Schülerinnen und Schüler heute anders. Sie haben keine Großeltern, die noch von ihren Kriegserfahrungen berichten können. Nicht einmal die Mauer und das geteilte Deutschland haben sie noch erlebt. Das heißt aber nicht, dass sie insgesamt desinteressierter oder gar respektloser wären. Jugendliche reagieren meiner Erfahrung nach seit jeher extrem unterschiedlich auf das Thema. Ich erlebe Schülerinnen und Schüler, die sagen, sie wollen vom Holocaust nichts mehr hören – aber eben auch andere, die viel mehr wissen wollen, als ihnen die Schule bietet.

Der Eindruck der Respektlosigkeit entsteht manchmal, wenn Jugendliche an den scheinbar falschen Stellen lachen, etwa bei dem Besuch einer Gedenkstätte oder wenn im Unterricht über den Massenmord an den Juden gesprochen wird. Aber eine vorschnelle Verurteilung hilft da nicht weiter. Ich denke, wir müssen immer den Einzelfall anschauen. Tabubrüche können manchmal auch eine Anregung für ein gutes Gespräch sein. Als Lehrer muss ich herausfinden: Ist das Lachen vielleicht ein Zeichen für eine starke Betroffenheit, die die Kinder gerade überfordert? Oder steckt tatsächlich eine abwertende oder gar menschenfeindliche Haltung dahinter? Es ist nicht leicht damit umzugehen. Wir tun aber gut daran, genau hinzuschauen – und klarzumachen: Eine menschenfeindliche Haltung ist inakzeptabel.

Natürlich müssen wir als Lehrer eingreifen, wenn ein Schüler "Du Jude" als Schimpfwort verwendet. Dann müssen wir fragen: "Weißt du eigentlich, was du da sagst?" Klar ist: Wir konnten früher noch mit dem Wort "Scheiße" provozieren, die heutigen Jugendlichen wählen härtere Eskalationsstufen. Unsere Pflicht ist es, keinen Zweifel daran zu lassen, dass mit so einem Schimpfwort, selbst wenn es als Witz gemeint ist, die Linie des Erträglichen deutlich überschritten ist. Noch mehr Aufmerksamkeit braucht es, wenn man das Gefühl bekommt, dass antisemitische Überzeugungen dahinterstecken könnten. Dass sich Jugendliche womöglich aus der rechtsextremen Szene beeinflussen lassen. Dann braucht man vor allem: Zeit. Zeit für Gespräche, Zeit zum Argumentieren. Und Zeit ist ein Faktor, der in der Schule leider so manches Mal zu kurz kommt.

Sinnvoll ist es immer, einen emotionalen Zugang zum Thema Holocaust zu schaffen – damit die Jugendlichen spüren können, wie einschneidend dieser Teil unserer Geschichte war. Wir Lehrer haben deshalb immer gerne Zeitzeugen in den Unterricht geholt. Aber die werden immer weniger, irgendwann sind sie nicht mehr da. Wir versuchen das also zu kompensieren, etwa indem wir gemeinsam Filme schauen wie Schindlers Liste oder Roberto Benignis Das Leben ist schön. Manchmal erzählt auch ein Schüler mit Fluchterfahrung den anderen, was es bedeutet, im Krieg oder ohne Meinungsfreiheit aufzuwachsen.

Ein Spaziergang durch das eigene Viertel

Besonders wichtig finde ich es, an die Orte gehen, an denen die Verbrechen geschehen sind. Das kann ein gut vorbereiteter Ausflug in ein Konzentrationslager sein. Ich plädiere allerdings mindestens genauso für die kleinen Orte direkt in der Nähe. Ein Spaziergang durch das eigene Stadtviertel zum Beispiel, bei dem sich die Jugendlichen anhand der Stolpersteine bewusst machen, wie viele Menschen verfolgt, deportiert oder ermordet wurden. Dann wird ihnen klar: Das ist nicht nur in Auschwitz passiert, sondern direkt hier bei uns. So holt man die Geschichte in die Lebenswelt der Kinder hinein.

Allerdings halte ich es für sehr wichtig, dass wir das Emotionale immer auch mit dem Rationalen begleiten. Der Appell des "Nie-Wieder" allein reicht nicht aus. Er kann auf manche Jugendliche sogar abschreckend wirken, weil sie die Schuld ihrer Urgroßväter nicht mehr als die ihre ansehen. Mal ganz abgesehen von den Kindern der Einwanderer, die vielleicht sagen: Das ist doch gar nicht meine Geschichte. Wir sollten also kein schlechtes Gewissen erzeugen, sondern lieber trainieren, dass so etwas nie wieder passiert. Und klar machen, dass der Holocaust alle angeht.

Deshalb analysieren wir im Unterricht immer wieder, wie es passieren konnte, dass Vorurteile und Ausgrenzungen in derart unvergleichliche Verbrechen münden konnten. Wir fragen: Was haben wir selbst schon an Ausgrenzungen erlebt, und wie unterscheidet sich das von der Verfolgung der Juden? Welche demokratischen Strukturen haben wir zur Verfügung, die eine Wiederholung der Geschichte verhindern? Wie kann ich selbst Diskriminierung entgegenwirken? Wenn wir uns mit diesen Fragen beschäftigen, haben wir schon viel gewonnen.

Holocaust-Gedenken - “Menschen, Menschen haben das getan” Margot Friedländer überlebte das KZ Theresienstadt. Anlässlich des Holocaust-Gedenktages zeigen wir ihre Geschichte und Mahnung noch einmal.