Klimawandel soll mehr Raum in der Schule bekommen, fordern Wissenschaftler. Italien führt ein Schulfach ein. Neuseeland schreibt landesweit ein Curriculum für das Thema vor. Brauchen wir das auch?

Es stimmt ja: Curricula müssen angepasst werden an wissenschaftliche Erkenntnisse und gesellschaftliche Herausforderungen. Und Lehrer müssen reagieren können auf das, was in der Welt passiert. Dafür brauchen sie einen Rahmen, der ihnen auch die Zeit dafür gibt. Richtig ist ebenso, dass den Schülern ein fundiertes Wissen über den Klimawandel vermittelt werden sollte. Denn auch ihr Verhalten wird darüber entscheiden, ob er begrenzt werden kann. Sie sollen sinnvoll handeln können und nicht auf Falschinformationen hereinfallen.

Aber wir machen es uns zu einfach. Immer wenn ein gesellschaftliches Problem so richtig brennt, wird ein neues Schulfach gefordert oder zumindest mehr Platz im Lehrplan. Sollen doch die Kinder alles besser machen als wir. Warum sollten wir noch etwas dazulernen? Ist ja ihre Zukunft. Finanzkrise? Wir brauchen ein eigenes Fach Wirtschaft, statt sofort die Strukturen zu ändern. Zu wenige wissen, wie man Geld richtig anlegt oder eine Steuererklärung macht: Auch da soll Wirtschaftsunterricht die Lösung sein. Ein Schulfach Ernährung soll her, wenn die Zahl der Übergewichtigen steigt. Glücksunterricht, ja wirklich, wenn die Leistungsgesellschaft zu viele Burnouts produziert. Informatik – stimmt, das ist tatsächlich wichtig in Zeiten der Digitalisierung. Aber von Erster Hilfe bis zum Benehmen: Alles, wovor wir uns selbst drücken, sollen die Schulen auch noch in die bereits überladenen Stundenpläne quetschen. Also auch klar: den Klimawandel.

Dabei hat der längst seinen Platz in einem altehrwürdigen Fach: Erdkunde nämlich. Die Kinder lernen dort heute nicht mehr nur Hauptstädte auswendig, sondern analysieren etwa, was Plastikmüll in den Meeren und CO2 beim Klima anrichtet und was das mit der Globalisierung zu tun hat – manchmal aber nur, wenn sie Glück haben und ihre Lehrer das Thema selbst einbringen.

Was genau in Geografie laut Lehrplan unterrichtet wird, unterscheidet sich in den Bundesländern enorm, sagt Wolfgang Gerber, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Geographie (DGfG). In Leipzig, wo er unterrichtet, sei der Klimawandel erst in der Oberstufe tiefgründig vorgesehen. Sächsische Oberschüler lernen also kaum etwas darüber, wenn ihr Lehrer oder ihre Lehrerin sich nicht außerhalb des Curriculums darum bemüht oder sie eine der dreizehn Klimaschulen in Sachsen besuchen, die sich um Nachhaltigkeit bemühen. Der Verband hat deshalb einen bundesweiten Bildungsstandard für Geografie entwickelt, in dem auch der Themenkomplex Mensch und Umwelt bis zum mittleren Abschluss verankert ist. Verpflichtend ist er jedoch nicht.

Zu wenig Geografie, zu spät der Klimawandel

Allerdings schlug der Verband der Deutschen Schulgeographen kürzlich Alarm: Das Fach werde viel zu wenig unterrichtet. Hessen etwa wolle Politik- und Geschichtsunterricht zu Pflichtfächern in der Oberstufe machen, Geografie werde als freiwilliges Fach in den Hintergrund gedrängt. Auch in anderen Bundesländern verliere Erdkunde an Bedeutung.

Aber was würde passieren, wenn Hessen nun statt Geschichte und Politik das Fach Geografie aufwertete? Dann würden die nächsten Schlagzeilen über antisemitische und rassistische Gewalttaten die Politiklehrer ihrerseits wieder aufschreien lassen: Wir haben zu wenige Stunden. Weder ein altes, noch ein neues Fach sollte ein anderes an den Rand drängen können, nur weil es politisch gerade populärer oder brisanter ist.

Fachübergreifende Projekte können ein anderer Weg sein: Warum sollen Schülerinnen und Schüler nicht vier Wochen lang nur das Thema Gesundheit aus verschiedenen fachlichen Blickwinkeln bearbeiten, inklusive Ernährungsunterricht und Erster Hilfe? Zusammenschlüsse von Fächern, die dauerhaft gemeinsam unterrichtet werden, sind bei Fachdidaktikern zwar oft unbeliebt. Sie haben auch gute Argumente: So bekommt etwa ein möglicher Politik-Wirtschaft-Geografie-Unterricht eben nicht auch drei Fachlehrer und dreimal so viel Zeit – was natürlich in einer perfekten Welt wünschenswert wäre. Wirtschaft und Geografie werden ohnehin schon oft fachfremd unterrichtet, also von Lehrern, die gar nicht dafür ausgebildet wurden.

Aber richtig organisiert, hat ein solcher Zusammenschluss trotzdem enorme Vorteile. Weil etwa der Klimawandel kein allein geografisches Thema ist, sondern auch ein politisches, historisches und wirtschaftliches. So wie Rassismus ein historisches, geografisches und politisches Thema ist. Es wäre jeweils klug, all diese Aspekte zusammen zu erörtern, statt ständig neue Fächer zu fordern. Einen Platz im Lehrplan braucht der Klimawandel trotzdem.

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