Mein Patenkind ist das Ergebnis von internationalem Austausch. Seine Eltern und Großeltern überwanden mit ihrer Liebe Klassen und Kontinente. Und obwohl die Familie nicht pendelt, sondern fest in einem Land lebt, ist allen doch wichtig, dass der Nachwuchs den Bezug zu den jeweiligen Heimaten nicht verliert. Meine Freundin hat Glück, denn sie muss die Vermittlung deutscher Kultur nicht komplett alleine übernehmen, indem sie ihren Söhnen Otfried Preußler vorliest, Spätzle schabt oder Schiller rezitiert. Sie hat Hilfe.

In Madrid, wo sie wohnt, gibt es seit 1896 eine deutsche Schule. Sie steht auf einem Grundstück, das der Bundesrepublik gehört, zum Abitur reisen Prüfer aus Deutschland an. Allerdings bedeutet das nicht, dass die Deutsche Schule Madrid eine isolierte deutsche Insel wäre. Im Gegenteil. Hier mischen sich verschiedene Kulturen. Der Anteil von deutschen Kindern liegt zwischen 25 und 30 Prozent. Die Deutsche Schule ist zwar deutsch, aber doch auch spanisch und international.

Die deutschen Schulen im Ausland sind, das hat das Auswärtige Amt zuletzt 2018 noch mal betont, ein "wesentliches Element der kultur- und bildungspolitischen Beziehungen zwischen Ländern".

Aber was, wenn andere Staaten ihrerseits Kultur, und vielleicht auch Ideologie, nach Deutschland exportieren wollen? Drei deutsche Schulen gibt es in der Türkei. Jetzt will die Türkei ihrerseits drei Schulen in Deutschland: Eine in Frankfurt am Main, eine in Köln, eine in Berlin. Ist das nicht ein gutes Zeichen? Ein Moment der Öffnung? Der Beginn eines Dialogs?

Es sieht nicht so aus. Der Ausgangspunkt der Gespräche über die Gründung der türkischen Schulen war wohl der Sommer 2018, als die türkische Regierung die deutsche Schule in Izmir vorübergehend schloss. Hintergrund der Verhandlungen ist also, dass Deutschland den Bestand der deutschen Schulen in der Türkei sichern will. Erpressung ist nie ein guter Start für eine Beziehung.

Das deutsch-türkische Schulabkommen, das den rechtlichen Rahmen regeln soll, ist bislang nur ein Entwurf. Es wissen also nur wenige, was wirklich drinsteht. Aber die Reaktionen darauf lassen einiges vermuten.

Wird der Völkermord an den Armeniern im Lehrplan stehen?

Kultusminister, die das Papier kennen, sind wenig angetan. "Die Hürden, in Deutschland bzw. in Hessen eine Ersatzschule einzurichten, sind hoch. Dies mit gutem Grund. Sollte es also türkische Schulen in Deutschland geben, dann nur nach unseren Spielregeln", erklärte Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU), der Präsident der Kultusministerkonferenz. Yvonne Gebauer (FDP), NRW-Bildungsministerin, sagte: "Wer in Nordrhein-Westfalen Schule machen will, muss sich an die Spielregeln des NRW-Schulgesetzes halten. Als Land geben wir den Rahmen und die Grenzen vor und unsere Schulaufsichtsbehörden wachen über die Einhaltung aller schulrechtlichen Standards." Es werde keinen "diplomatischen Rabatt" geben. Susanne Eisenmann (CDU), baden-württembergische Kultusministerin und Koordinatorin der unionsgeführten Bildungsministerien innerhalb der Kultusministerkonferenz, äußerte rechtliche Bedenken und sprach von vielen ungeklärten Fragen.

Wie es heißt, hatte der türkische Staat wohl einige Vorstellungen, wie eine türkische Schule in Deutschland geführt werden sollte, die mit dem deutschen Schulgesetz und der Schulpflicht unvereinbar sind.

Gründe, skeptisch zu sein, wenn Recep Tayyip Erdoğan Schulen und Lehrpläne in Auftrag gibt, gibt es also genug. Einer solchen Schule, die auf Initiative des türkischen Staats gegründet wird, darf man unterstellen, dass sie auch die Werte und Ideen der aktuellen Regierung verbreiten soll. Auch wenn der Träger der Schule, wie üblich, nicht der Staat selbst, sondern ein Verein sein wird, so bleibt doch eine enge Beziehung. Woher kommen die Lehrkräfte? Wird es Schüler geben, die ihre gesamte Schulkarriere nur auf Türkisch absolvieren können?

Es gibt schon Angebote für türkischstämmige Kinder

Es ist nicht zu erwarten, dass im Geschichtsunterricht der Völkermord an den Armeniern oder in Politik die Frage nach den Rechten der Kurden behandelt wird. Wird Kritik am Türkentum möglich sein? Wird Gleichberechtigung ein Thema? Man kann es sich nicht vorstellen. Auch dürfte die Schülerschaft kaum gemischt sein.

Es gäbe für Kinder mit türkischen Wurzeln ja schon jetzt an vielen staatlichen Schulen den herkunftssprachlichen Unterricht. In Berlin können Kinder an vier Schulen in zwei Muttersprachen – Deutsch und Türkisch – lernen.

Wie jede Privatschule muss sich der deutsche Staat fragen, welches Angebot die türkischen Schulen bieten, das der Staat nicht selbst erfüllen kann, sodass die Finanzierung gerechtfertigt ist. So wie zum Beispiel die 25 Schulen, die zum Netzwerk des Predigers Fethullah Gülen gehören, den Erdoğan weiter für den gescheiterten Putschversuch 2016 verantwortlich macht. 

Die Gülen-nahen Schulen gelten als das Gegenteil von dem, was Erdoğan jetzt vorschwebt. Sie richten sich an Schülerinnen und Schüler, die im staatlichen System viel zu oft nicht genug Chancen bekommen. Aber sie haben auch internationalen Zulauf. Die Schulen haben einen guten Ruf und sind nicht türkisch-national, sondern bunt gemischt.

Und auch wenn all die Kritik vorab gerechtfertigt ist: Eine kleine Chance gibt es doch, dass diese Schulen das werden könnten, was die Idee einer Schule im Ausland ist – und was Erdoğan wohl nicht im Sinn hat: nicht die reine Vermittlung von Werten von einer Richtung zur anderen, sondern eine Mischung aus dem Besten von beidem.

Der Verdacht liegt zwar nahe, dass Erdoğan mit den Schulen noch mehr Einfluss auf seine Auslandswähler gewinnen will. Aber er geht auch ein Risiko ein: Er schafft für die Schüler einen Raum, in dem sie die Ideen, die sie aus ihrem Elternhaus hören, kritisch diskutieren können. Wenn es in diesen Schulen nach den jetzt so viel beschworenen Spielregeln geht, dann werden die Kinder da mit Sicherheit auch andere Meinungen hören. Das kann nicht schlecht sein.