Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Das jedenfalls ist seit Seneca der Anspruch guter Pädagogen. Deshalb hat Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger recht: Die Vorbereitung auf Krisen, von der Pandemie über Naturkatastrophen bis zum Krieg, gehört zum Erziehungsauftrag der Schule. Die Empörung über die Äußerungen der FDP-Politikerin mag teilweise vom ehrlichen Wunsch getragen sein, den Kindern nicht Angst zu machen. Aber erstens sind die Kinder tagtäglich den Medien ausgesetzt; die Schule ist keine Insel der Seligen. Zweitens aber steckt teilweise eine politische Absicht dahinter, die zwischen guter und schlechter Angst unterscheidet. Angst vor dem Klimawandel: gut. Angst vor dem Krieg: böse. Sich gegen den Klimawandel wappnen: gut. Kriegstüchtigkeit: böse.
Zivilschutz sei "immens wichtig" und gehöre auch in die Schulen, sagte die Ministerin im Interview mit der Funke-Mediengruppe. In Ländern wie Großbritannien "gehören Übungen für den Katastrophenfall an Schulen zum Alltag. Davon können wir lernen." Junge Menschen müssten die Bedrohungen der Freiheit kennen und mit den Gefahren umgehen können. Die Schulen müssten deshalb auch ein "unverkrampftes Verhältnis zur Bundeswehr" entwickeln. "Ich halte es für wichtig, dass Jugendoffiziere in die Schulen kommen und berichten, was die Bundeswehr für unsere Sicherheit tut."
Wie gesagt: Hätte Stark-Watzinger angeregt, dass sich Schulen stärker als bisher mit den Auswirkungen des Klimawandels beschäftigen, wozu übrigens auch Naturkatastrophen (wie Überschwemmungen) und Pandemien (etwa aufgrund invasiver Krankheitsträger) gehören können, hätte sich der Protest vermutlich auf den rechten Rand der Gesellschaft, der Politik und der Medien beschränkt. Die Ministerin erwähnte aber ausdrücklich den Krieg und die Bundeswehr, und da kommt dann die Kritik von allen Seiten.
Natürlich von Rechtsaußen: Gingen früher Nationalismus und Militarismus Hand in Hand, so präsentiert sich die AfD heute als Friedenspartei. "Angst und Schrecken in Schulen zu verbreiten, sieht die Ampel als probates Mittel, um ihre irre Politik durchzusetzen!" wetterte AfD-Co-Chefin Alice Weidel auf X. Und natürlich von Linksaußen, wo man traditionell pazifistisch ist, jedenfalls wenn es um "kapitalistische" Staaten geht. Die Ampel sei "kriegsbesoffen", der Militarismus greife um sich, sagte Özlem Alev Demirel, EU-Abgeordnete der Linkspartei, ebenfalls auf Elon Musks sozialem Netzwerk.
Es spricht nichts gegen Zivilschutzübungen
Aber auch aus der Mitte des politischen Spektrums kommt Widerspruch. Es gebe nicht "die eine" Krise, auf die man sich vorbereiten müsse, sagte die saarländische Bildungsministerin und Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Christine Streichert-Clivot von der SPD. Kinder und Jugendliche müssten "insgesamt breiter auf die Zukunft vorbereitet werden". Der bildungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Thomas Jarzombek, fand sogar eine Formulierung, auf die eine Sahra Wagenknecht stolz wäre: "Wir müssen unsere Kinder schultüchtig machen und nicht kriegstüchtig."
Die Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE), traditionell links, lehnt Soldaten in den Schulen aus Prinzip ab; die Krisenvorbereitung sei Aufgabe der dafür geschulten Pädagogen, sagte VBE-Chef Gerhard Brand. Wobei man sich erstens fragen kann, ob es dafür geschulte Pädagogen überhaupt gibt, zweitens, wo und von wem sie geschult werden, und drittens, ob der VBE geschulte Pädagogen auch gegen Naturschützer, Ökobauern, Klimaexperten oder Windradhersteller ausspielen und deren Einladung in den Unterricht ablehnen würde.
Natürlich müssen Kinder "schultüchtig" sein, was neben den Elternhäusern vor allem die Kitas leisten müssen; natürlich enthält die Zukunft mehr als nur die von Stark-Watzinger genannten Herausforderungen, von der Energiewende über die Begegnung mit Genderdiversität und die Integration einer wachsenden Zahl von Zuwanderern bis hin zu dem Umgang mit Digitalisierung und künstlicher Intelligenz; natürlich müssen Pädagoginnen den Unterricht in der Klasse bestimmen, und nicht etwa von außen eingeladene Gäste, ob das nun ein Heizungsmonteur ist, der das Funktionieren einer Wärmepumpe erklärt, oder ein Bundeswehroffizier, der über moderne Verteidigungstechniken referiert. Aber all das spricht ja nicht gegen Zivilschutzübungen und ein entspanntes Verhältnis zu den Fachleuten, die unsere Verteidigung organisieren.
Die Nichtargumente der AfD und der Linkspartei können wir ruhig liegenlassen. Sagen wir es so: Nichts gefiele dem für sechs weitere Jahre gewählten russischen Präsidenten Wladimir Putin besser als ein Deutschland, das nach wie vor mit dem Gedanken an Verteidigung und mit den eigenen Streitkräften fremdelt. So wie es einem Gangster gefällt, wenn die Bevölkerung, die er einschüchtern und ausbeuten will, der Polizei misstraut.