Wenn ein Viertklässler im Frühling beginnt, die Tage bis zu den Sommerferien zu zählen, müssen Eltern innerlich zusammenzucken. Als ihr Sohn damit anfing, spürte auch Christina Möbius, dass etwas schieflief bei ihm in der Grundschule. Marius ging nur noch ungern zum Unterricht, obwohl er schnell verstand und wissbegierig war – deswegen wurde er ja mit fünf eingeschult.

Es kann viele Gründe dafür geben, dass ein Kind nicht in die Schule will. Vielleicht fühlt es sich überfordert oder unterfordert, hat Angst vor einem Lehrer, findet keine Freunde.

Was genau bei Marius los war, bekamen die Eltern nicht heraus. Die Familie aus der Nähe von Jena hoffte auf die weiterführende Schule und entschied sich, ihren ältesten Sohn auf das Gymnasium zu schicken, auf das auch andere Kinder seiner Grundschulklasse gingen. Das machen, was alle machen, kann ja nicht falsch sein, dachten sie. Ein etwas flaues Gefühl jedoch blieb. Deswegen sprach Christina Möbius gleich am Anfang der fünften Klasse mit Marius Klassenlehrerin. Sie sollte wissen, dass er in der Grundschule Schwierigkeiten gehabt hatte und jünger als die anderen war, damit sie ein Auge auf ihn haben würde. "Ich kann nichts für ihren Sohn tun, er muss sich einfach anpassen", war die Antwort.

So viel Ignoranz vonseiten der Pädagogin hätte die Mutter vielleicht stutzig machen müssen. Doch Christina Möbius hält grundsätzlich erst einmal viel von Lehrern und ist auch gewillt, ihnen zu vertrauen. Schon damals engagierte sie sich in der Elternarbeit, bis heute arbeitet sie eng mit Lehrern zusammen. Das wird schon werden, dachte sie. Aber es wurde nicht.

Gegen Ende der fünften Klasse lassen Marius’ Leistungen nach. Die Eltern können nicht wissen, dass die anderen Kinder ihrem Sohn "Klassenkeile" angedroht haben, für den Fall, dass er eine Eins schreibt. Zu Beginn der sechsten Klasse klagt er immer zum Montag hin über Bauchweh oder Kopfschmerzen. Er hört auf, Hausaufgaben zu machen, und erzählt nichts mehr von der Schule. Wenn er in den Schulbus einsteigt, geht für ihn jeden Tag ein Psychokrieg los, wie er es in der Rückschau nennt. Marius fällt auf in der Klasse: Er ist noch nicht so weit in der Pubertät wie die anderen – und er stellt zu viele Fragen. Wenn der Biologielehrer erklärt, dass bei der Fotosynthese aus Licht Energie entsteht, meldet sich Marius und sagt: "Man braucht dazu aber auch noch Wasser." Er gerät in die Rolle des Besserwissers.

Das mögen weder seine Mitschüler noch die Lehrer. Die Klassenkameraden lassen ihn auf dem Schulhof nicht mitspielen, nehmen ihm im Sportunterricht den Geldbeutel weg und setzen seine Turnschuhe unter Wasser, bis sie bei jedem Schritt quietschen. Zwei Jungs, die sich zu den "coolen Älteren" zählen, führen die Klassendynamik an. Eine Beratungslehrerin stellt Marius prompt diese beiden Jungs zur Seite, sie möchten doch auf ihn aufpassen. Von da an kommt er sich endgültig wie ein Vollidiot vor. Und von da an ist auch den Eltern klar, dass sie sich nicht mehr darauf verlassen können, dass Marius’ Lehrer die Situation im Griff haben. "Man neigt lange Zeit dazu, stillzuhalten, und hat Angst, dem Kind zu schaden, wenn man sich zu sehr einmischt", sagt die Mutter. "Man denkt, ein Kind muss auch mal durch eine schwierige Phase durch."

Die einzigen Lichtblicke sind für ihren Sohn zu dieser Zeit längst die Momente am Nachmittag, in denen er allein am Klavier sitzen oder an seinen Modellflugzeugen basteln kann. Christina Möbius hat inzwischen schon viele Gespräche mit den Lehrern geführt, aber die Situation für Marius hat sich nie verbessert. Er fühlt sich gemobbt, von Schülern wie Lehrern. Die Eltern verbringen die Nächte mit Diskussionen, weil sie merken, dass sie auf ihrem bisherigen Weg nicht mehr weiterkommen. Wäre es doch besser, die Schule zu wechseln? Und wenn ja, wohin? Marius ist der Älteste von dreien. Beim ersten Kind habe man ja wenig Erfahrung mit der Schullaufbahn, sagt Christina Möbius. Eltern seien nicht darauf vorbereitet, dass etwas schiefgehen könnte.

Ein Schulwechsel aufgrund sozialer Probleme wirkt auf viele zunächst bedrohlich. Er ist wie ein Eingeständnis, versagt zu haben. Was werden die Freunde und Nachbarn denken? Wahrscheinlich, dass etwas nicht stimmt mit dem Kind, wenn es so gar nicht zurechtkommt. Und heißt das nicht: Die Eltern haben etwas falsch gemacht?

Experten warnen davor, ein Kind vorschnell aus einer Klasse zu nehmen. "Einen Schulwechsel würde ich als allerletzten Ausweg sehen", sagt der Schulpsychologe Lothar Dunkel . Vorher müssten alle internen Lösungsversuche gescheitert sein. Dazu könne auch gehören, eine neutrale Person, etwa einen Schulsozialarbeiter oder einen Schulpsychologen, einzuschalten.

Das hat Familie Möbius damals verpasst. Irgendwann waren die Wut im Bauch und das Gefühl, den Lehrern nur noch ausgeliefert zu sein, auch zu groß. Die Mutter fragt Marius ganz direkt, ob er die Schule wechseln will. "Ja, geht das denn?", entgegnet der Zwölfjährige erstaunt und sagt dann deutlich: "Ich will da weg." Beschissener kann es ja eh nicht werden, denkt er. Das Gefühl der Ohnmacht verwandelt sich in Aktivität. Alles geht auf einmal ganz schnell.

Es ist die erste Adventswoche. Christina Möbius hat sich in ihrer Not bei der Lehrerin eines anderen Gymnasiums erkundigt, ob ein Kind überhaupt mitten im Schuljahr die Schule wechseln kann. Wenn eine andere Schule bereit sei, das Kind aufzunehmen, kein Problem, so die Antwort. Die andere Schule ist bereit. Während Marius am Freitag der zweiten Adventswoche in der Englischstunde sitzt, meldet seine Mutter ihn bei der Schulleitung ab. Danach steigt Marius zu ihr ins Auto und lässt sich in den Sitz fallen. "Nie wieder", stöhnt er. Eine große Erlösung klingt mit.