Einmal Prager Botschaft und zurück

Zwei Jungs, ein Motorrad und im Deutschlandfunk die Berichte über die Ausreise der Botschaftsflüchtlinge in Prag. Die ARD-Tagesschau dringt in diesem Herbst 1989 noch nicht nach Ostsachsen vor, ins Tal der Ahnungslosen. Ich bin 21, mein Freund ist 18 Jahre alt – beide reif genug, um am Sinn des Bleibens zu zweifeln. Aber wir sind zu jung, um den exorbitanten Frust zu empfinden, der in diesen Tagen Tausende DDR-Bewohner in den Westen treibt. Wir ersehnen ein Umdenken der Führung, wollen zu Hause für Veränderungen kämpfen. Der Glaube an die Reformfähigkeit des Regimes macht uns zu "überzeugten Hierbleibern".

In Pirna, südlich von Dresden, haben wir mit anderen Freunden das Wochenende verbracht. Der Gedanke an die Flucht ist allgegenwärtig. Nie können wir sicher sein, ob wir uns beim nächsten Treffen noch sehen. Jeder von uns kennt Menschen, die derzeit im Notaufnahmelager leben. Viele kennen bereits das Gefühl, montagmorgens auf der Arbeit wieder einen Kollegen weniger anzutreffen.

Die Fahrstrecke nach Hause, nach Zittau ins Dreiländereck zu Polen und der Tschechoslowakei, ist kürzer, wenn man den Weg über tschechisches Gebiet nimmt. Und der Tag ist noch lang. Mein Freund schlägt vor, mit dem Motorrad einen Umweg über Prag zu fahren. Dort, so erzählte man, ließen die Menschen alles zurück, um über den Zaun der Deutschen Botschaft zu klettern, weil die DDR ihre Ausreiseanträge nicht genehmigt.

Wir werden ein Stück Geschichte verpassen, wenn wir das nicht mit eigenen Augen sehen, denken wir. Dass etwas Großes geschehen würde, war seit Wochen zu fühlen: Das Neue Forum hatte sich gegründet, eine aus Sicht der DDR-Führung illegale Bewegung. In den Kirchen lasen wir die Gedächtnisprotokolle von Menschen, die die Polizei bei Demonstrationen in Dresden und Leipzig festgenommen und auf der Wache gepeinigt hatte.

An der Grenzübergangsstelle Bad Schandau verlangt der Grenzpolizist, den Tank aufzuschrauben. "Das soll reichen?", fragt der Grünrock mit unbewegter Miene und weist auf den randvollen Behälter. Wir unternähmen einen Tagesausflug nach Prag, sagen wir dem Uniformierten. Hin und zurück sind das 300 Kilometer, die Maximalreichweite der Maschine. Hinter dem Schlagbaum steigt der Spritpreis ins Unermessliche – Benzin ist in der CSSR für uns nahezu unbezahlbar. Der Grenzer weiß das. Am Ende findet er keinen Grund, uns die Weiterfahrt ins Ungewisse zu verweigern.

Der Kontrolleur muss auch gewusst haben, dass in diesen Tagen viele Reisende an der Grenzkontrolle irgendetwas zusammenlügen, um ungeschoren passieren zu können. Denn die wenigsten wollen zurück. Tausende DDR-Bürger hatten auf dem Gelände der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Zuflucht gefunden, bevor sie nach dem 30. September – gesichtswahrend für die DDR-Führung – mit der Eisenbahn über Dresden und Leipzig in den Westen durften.

Nicht wenige Autos sind unverschlossen, ein indirektes Angebot zum Mitnehmen.

Hinter Bad Schandau schlängelt sich die Elbe entlang des nach ihr benannten Sandsteingebirges. Die Zweitaktmaschine rollt durch Ortschaften, dann über die Landstraße, zuletzt geht es hochtourig über die Autobahn. Der Motor schluckt mehr Sprit, als er sollte.

Der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland residierte damals auf der Prager Burg, dem Hradschin. Wo sonst Anzugträger den diplomatischen Umgang pflegten, hatte seit Wochen das Rote Kreuz das Sagen. Die Flüchtlinge hausten in Zimmern, auf den Fluren und zuletzt in Zelten im Botschaftsgarten, bis ihnen am 30. September Außenminister Hans-Dietrich Genscher die Freiheit verkündete. Als in den folgenden Tagen die Züge rollten, prügelten DDR-Volkspolizisten im Dresdner Hauptbahnhof Menschen von den Bahnsteigen, damit keiner auf die durchfahrenden Züge aufspringt.

Wir parken die Maschine am Stadtrand von Prag und fahren mit der S-Bahn ins Zentrum. Die Parkplätze dort sind mit dem DDR-Fahrzeugsortiment dauerbelegt: Mit dem R der Dresdner Region beginnen die Kennzeichen, mit dem I von Berlin oder dem A von der Küste. Nicht nur Trabanten und Wartburgs, auch die verlassenen Autos der besser Verdienenden – die russischen Lada, Moskwitsch oder rumänische Dacias – zeigen den hohen Leidensdruck ihrer Besitzer: Wer hier einen solchen Wagen zurücklassen konnte, hatte in der Zone zumindest materiell nicht zu leiden. Nicht wenige Autos sind unverschlossen, ein indirektes Angebot zum Mitnehmen.

Ein Telefonanschluss war keine Selbstverständlichkeit

 Die Prager Burg ist in diesen Tagen ein gut bewachter Ort, an den aufsteigenden Gässchen und Straßen zur Botschaft wachen Uniformierte. "Tourist? Zurück!" weisen die Polizisten alle ab, die sich nicht dienstlich ausweisen können. Fluchtwillige geben sich gegenseitig Tipps, wie die Hürde zu umgehen ist. Als zwei Beamte den Durchbruchsversuch eines jungen Mannes vereiteln, schlüpfen wir durch die Straßensperre. Mit den Motorradhelmen in der Hand sehen wir auch nicht wie typische Flüchtlinge aus.

Das Gebäude der Deutschen Botschaft, das Palais Lobkowicz, ähnelt mit seiner geschwungenen Form einer barocken Kommode. Vor dem Portal drängt sich eine Traube Menschen, es sind schon wieder mehrere Hundert. Ab und zu kommen Mitarbeiter heraus, wer einen Blick ins Innere erhascht, sieht Doppelstockbetten und grau gekleidete Rotkreuz-Helfer. Ein Fernsehteam begehrt vergeblich Einlass. Bevor hier nicht aufgeräumt ist, darf keiner hinein, heißt es. 4000 Menschen haben Spuren hinterlassen.

Ein Telefonanschluss ist damals in der DDR keine Selbstverständlichkeit. Meine Eltern haben einen. Meine Mutter hat über Umwege herausgefunden, dass ich mit einem Freund nach Prag unterwegs bin. Prag, so war das in diesen Wochen, Prag heißt Flucht. Und Flucht hieße, die Söhne über Jahre nicht mehr sehen zu können. Auch die Eltern meines Freundes haben Telefon, die Mütter sprechen miteinander. Angst ergreift unsere Eltern.

Die Rückfahrt: Sprit im Plastikbecher aus einem Flucht-Motorrad

In Prag ähnelt die Lage vor dem Botschaftsportal der in einem Flüchtlingscamp. Es dämmert bereits. Die Stimmung ist angespannt. Die Wartenden haben mit ihrem DDR-Leben abgeschlossen. Die Brücke zurück ist gesprengt, doch die Tür zur Zukunft noch verschlossen – für jeden hier muss das eine Extremsituation sein. Kästen mit leer getrunkenen Colaflaschen stehen auf dem Vorplatz verstreut. Müll liegt herum.

Unsere Motorradhelme fallen auf. Wir erzählen, dass wir aus Interesse hier sind und abends wieder nach Hause wollen. Bei denen, die aus existenziellem Grund hier sind, muss das Misstrauen wecken: "Ihr seid wohl von der Stasi", gibt einer der Wartenden zurück. Einmal auf der Botschaftstreppe stehen und dann wieder zurück in den verhassten Osten? Verstehen will das hier keiner. Von gegenseitigem Stasi-Verdacht der Flüchtlinge erzählte später auch der damalige Botschafter Hermann Huber, der den Wartenden des zweiten Flüchtlingsschubes damals die Tür öffnete.

Noch unbewusst, in der Erinnerung aber deutlich, erzeugt die Lage der Flüchtlinge ein Mix aus Mitleid und Bewunderung. Welche Verzweiflung, welche Chancen- und Perspektivlosigkeit muss diese Menschen drücken, dass sie ihr Leben auf ein Stück Handgepäck reduzieren und hier anstehen. Rückblickend war ich von Verständnis weit entfernt. Dazu erzogen, die herrschenden Umstände zu ändern, hofften wir auf eine Wende, auf ein Gesetz für freies Reisen. Ich hatte einen Brief an Gregor Gysi geschrieben und brennende Kerzen vor die Tür der SED-Zentrale meiner Stadt geklebt, anstatt den Rucksack zu packen.

Als es in Prag dunkelt, lassen wir die anschwellende Menge der Wartenden hinter uns. Für die Fahrt zum Stadtrand nehmen wir ein verlassenes Motorrad mit DDR-Kennzeichen – der Schlüssel steckte. Bei unserem Zweirad angekommen, füllen wir den restlichen Sprit mit einem Plastikbecher in unseren Tank um. So ist die Heimfahrt gesichert. Vor allem unsere von Ungewissheit gepeinigten Mütter haben wir damit glücklich gemacht.