Die Prager Burg ist in diesen Tagen ein gut bewachter Ort, an den aufsteigenden Gässchen und Straßen zur Botschaft wachen Uniformierte. "Tourist? Zurück!" weisen die Polizisten alle ab, die sich nicht dienstlich ausweisen können. Fluchtwillige geben sich gegenseitig Tipps, wie die Hürde zu umgehen ist. Als zwei Beamte den Durchbruchsversuch eines jungen Mannes vereiteln, schlüpfen wir durch die Straßensperre. Mit den Motorradhelmen in der Hand sehen wir auch nicht wie typische Flüchtlinge aus.

Das Gebäude der Deutschen Botschaft, das Palais Lobkowicz, ähnelt mit seiner geschwungenen Form einer barocken Kommode. Vor dem Portal drängt sich eine Traube Menschen, es sind schon wieder mehrere Hundert. Ab und zu kommen Mitarbeiter heraus, wer einen Blick ins Innere erhascht, sieht Doppelstockbetten und grau gekleidete Rotkreuz-Helfer. Ein Fernsehteam begehrt vergeblich Einlass. Bevor hier nicht aufgeräumt ist, darf keiner hinein, heißt es. 4000 Menschen haben Spuren hinterlassen.

Ein Telefonanschluss ist damals in der DDR keine Selbstverständlichkeit. Meine Eltern haben einen. Meine Mutter hat über Umwege herausgefunden, dass ich mit einem Freund nach Prag unterwegs bin. Prag, so war das in diesen Wochen, Prag heißt Flucht. Und Flucht hieße, die Söhne über Jahre nicht mehr sehen zu können. Auch die Eltern meines Freundes haben Telefon, die Mütter sprechen miteinander. Angst ergreift unsere Eltern.