In Prag ähnelt die Lage vor dem Botschaftsportal der in einem Flüchtlingscamp. Es dämmert bereits. Die Stimmung ist angespannt. Die Wartenden haben mit ihrem DDR-Leben abgeschlossen. Die Brücke zurück ist gesprengt, doch die Tür zur Zukunft noch verschlossen – für jeden hier muss das eine Extremsituation sein. Kästen mit leer getrunkenen Colaflaschen stehen auf dem Vorplatz verstreut. Müll liegt herum.

Unsere Motorradhelme fallen auf. Wir erzählen, dass wir aus Interesse hier sind und abends wieder nach Hause wollen. Bei denen, die aus existenziellem Grund hier sind, muss das Misstrauen wecken: "Ihr seid wohl von der Stasi", gibt einer der Wartenden zurück. Einmal auf der Botschaftstreppe stehen und dann wieder zurück in den verhassten Osten? Verstehen will das hier keiner. Von gegenseitigem Stasi-Verdacht der Flüchtlinge erzählte später auch der damalige Botschafter Hermann Huber, der den Wartenden des zweiten Flüchtlingsschubes damals die Tür öffnete.

Noch unbewusst, in der Erinnerung aber deutlich, erzeugt die Lage der Flüchtlinge ein Mix aus Mitleid und Bewunderung. Welche Verzweiflung, welche Chancen- und Perspektivlosigkeit muss diese Menschen drücken, dass sie ihr Leben auf ein Stück Handgepäck reduzieren und hier anstehen. Rückblickend war ich von Verständnis weit entfernt. Dazu erzogen, die herrschenden Umstände zu ändern, hofften wir auf eine Wende, auf ein Gesetz für freies Reisen. Ich hatte einen Brief an Gregor Gysi geschrieben und brennende Kerzen vor die Tür der SED-Zentrale meiner Stadt geklebt, anstatt den Rucksack zu packen.

Als es in Prag dunkelt, lassen wir die anschwellende Menge der Wartenden hinter uns. Für die Fahrt zum Stadtrand nehmen wir ein verlassenes Motorrad mit DDR-Kennzeichen – der Schlüssel steckte. Bei unserem Zweirad angekommen, füllen wir den restlichen Sprit mit einem Plastikbecher in unseren Tank um. So ist die Heimfahrt gesichert. Vor allem unsere von Ungewissheit gepeinigten Mütter haben wir damit glücklich gemacht.