Wie so oft gibt es auch im Fall der untätigen Zeugen des Münchner S-Bahn-Mordes eine rechtliche Grauzone: So sehen die ermittelnden Behörden laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung derzeit keinen Anlass, um wegen unterlassener Hilfeleistung zu ermitteln. Und das, obwohl mehrere Zeugen während der tödlichen Attacke auf den Münchener Geschäftsmann Dominik Brunner vergeblich zum Eingreifen aufgefordert worden waren.

Nach Medienberichten, die die Polizei inzwischen bestätigt hat, waren 15 Zeugen am Tatort, dem S-Bahnhof Solln in München. Nach Augenzeugenberichten sollen die Passanten untätig zugesehen hätten. Der 16 Jahre alte Franzose hatte dem Online-Dienst gesagt: "Als ich auf den Bahnsteig gekommen bin, haben die zwei schon auf den Mann eingeprügelt, ihn mit Füßen getreten. Etwa 15 Leute standen rum, griffen nicht ein", sagte ein 16-Jähriger dem Onlineportal der Bild-Zeitung.

Auch die Süddeutsche zitiert eine Passantin, wonach die vier, von den Tätern zuvor bedrohten Kinder nicht nur um Hilfe gerufen, sondern gezielt Passanten angesprochen hätten. Auch dann noch, so schreibt die Zeitung, als der 50-jährige Geschäftsmann schon am Boden lag. Doch mehrere Personen seien weitergegangen, die Kinder, wird die Zeugin zitiert, "fühlten sich völlig hilflos". Die Vier seien "völlig aufgelöst" gewesen und hätten immer wieder gesagt: "Keiner hat uns geholfen."

Der Leiter der Mordkommission hat die Angaben der Zeugin inzwischen bestätigt. Allerdings wüsste man nicht, "was diese Menschen tatsächlich mitbekommen haben und inwieweit sie hätten eingreifen können". Auch sei unklar, ob die Zeugen Schüler, Rentner oder Erwachsene, wie weit die Personen entfernt waren und ob ihnen ein Eingreifen "zumutbar" gewesen wäre.

Grundlage eventueller Ermittlungen gegen die Passanten wäre Paragraf 323c des Strafgesetzbuches. Dort heißt es: "Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft".

Doch was ist "zumutbar"? Damit beginnt für die Behörden in München wie auch für die deutsche Justiz insgesamt die rechtliche Grauzone. Der Begriff der "Zivilcourage" taucht in keinem Gesetzestext auf, und eine Anklage wegen unterlassener Hilfeleistung ist nur dann möglich, wenn bestimmte Kriterien nicht erfüllt sind. Dazu gehört auch, dass die erhebliche Gefährdung der eigenen Gesundheit nicht in Kauf genommen werden muss.

Bislang stellt sich für die Staatsanwaltschaft die Frage nach möglichen rechtlichen Konsequenzen jedenfalls noch nicht. Staatsanwalt Laurent Lafleur sagte der Süddeutschen, seine Behörde sei wie auch in anderen Fällen angehalten, nur eine "rechtliche Bewertung" vorzunehmen. Eine "moralische Bewertung" sei eine ganz andere Sache. Bereits am Dienstag hatte Oberstaatsanwältin Barbara Stockinger gesagt, zunächst gebe es "keine konkreten Hinweise auf irgendwelche Gaffer, die nur dastanden und zugeguckt haben".

Für die Behörden stehen ohnehin zunächst die Täter im Mittelpunkt ihrer Ermittlungen. Die beiden mutmaßlichen 17 und 18 Jahre alten Haupttäter, die inzwischen unter Mordverdacht in Untersuchungshaft sitzen, haben zwar Auseinandersetzungen eingeräumt, aber bislang keine Angaben zu der Tat selbst gemacht. Dafür äußerte sich der Anwalt des 18-Jährigen, Gregor Rose. Sein Mandant bedaure das Geschehen, sagte der Verteidiger. "Es tut ihm wirklich leid. Er hat einen Blackout gehabt."

Dagegen hat der dritte Täter seine Taten inzwischen weitgehend eingeräumt. Der 17-Jährige wurde wegen versuchter räuberischer Erpressung und gefährlicher Körperverletzung verhaftet. Er hatte als erster Geld von den Kindern verlangt und auch zugeschlagen, war aber bei der Tötung nicht dabei. Alle drei waren vorbestraft und hatten weder abgeschlossene Ausbildung noch Job.

Am Mittwochabend soll mit einem Gedenkgottesdienst in der Nähe des Tatorts der mutige Einsatz des ermordeten Brunner gewürdigt werden. Die Andacht solle dazu ermutigen, auch künftig mit Zivilcourage für den Schutz anderer Menschen einzustehen, betonen evangelische und katholische Kirche. Auch für die Täter, die schwere Schuld auf sich geladen hätten, solle gebetet werden, hieß es.

In München sollen zum Zeitpunkt der Beerdigung des 50-Jährigen, deren Termin noch nicht feststeht, Busse und Bahnen für eine Gedenkminute stillstehen.