"NND?", so begrüßten sich im Oktober 1989 morgens die Kollegen am Arbeitsplatz, die (noch) nicht gen Westen unterwegs waren: "Na, noch da?" In diesen Tagen bestimmte in der DDR die Frage nach Bleiben oder Gehen die Privatgespräche zwischen den Menschen, sofern sie einander trauten.

Die Bürger der DDR ließen sich in diesen Monaten in drei Gruppen teilen: Die erste Gruppe stellten die Ausreisekandidaten, die ihr Glück hinter dem löchrigen Stacheldrahtzaun im ungarischen Sopron oder in der Prager Botschaft vermuteten. Die Flüchtenden hinterließen ihre Autos in den Straßen um die deutsche Vertretung. Sie warfen Ballast im Wald entlang der Staatsgrenze ab: "Kinderwagen lagen in den Gebüschen, sie hinderten bei der Flucht", erinnert sich der damalige Pfarrer Heinz Eggert, der im ostsächsischen Gebirgsort Oybin 130 Meter von der Grenze entfernt wohnte.

Die zweite Gruppe bildeten die überzeugten "Hierbleiber", beseelt von der Überzeugung, Freiheit zu schaffen sei im eigenen Lande möglich. Der Mut der meist jungen, engagierten Menschen übertrug sich auch auf andere Bevölkerungsteile. Die Menschen zeigten erst in Kirchen, dann auf Straßen und Plätzen, dass dieser DDR-Staat nicht mehr ihr Staat war.

Und schließlich gab es noch die dritte Gruppe: die Gegner, die Bonzen, die SED-Staatslenker aus dem Berliner Staats- und Ministerrat, das allmächtige Zentralkomitee und deren engmaschiges Netzwerk bis in Schulen und Betriebe hinein.

Eine Zeitung hatten viele nur wegen des Lokalteils abonniert. Durch die ideologietriefende Bleiwüste der vorderen Seiten mochte sich keiner quälen. "Jeder hat in der DDR seinen Platz", textete die staatstreue CDU-Postille Die Union gegen die Fluchtwelle an. Es war die Ausgabe nach der offiziellen Jubelfeier zum Gründungsjubiläum der sogenannten Republik am 7. Oktober. Über drei Seiten zogen sich die Reden Honeckers und Gorbatschows hin, gehalten zum 40. Jahrestag der DDR. Der im DDR-Untergrund als der neue Reformator verehrte Russe sprach in Berlin auch vom begonnenen Wandel seines eigenen Landes. Honecker trommelte dagegen an: "Vorwärts immer, rückwärts nimmer!"

Doch abseits der großen Schlagzeilen brach sich in den Oktobertagen von 1989 quäntchenweise Pluralismus Bahn. Auf den Leserbriefseiten der Blätter wandelte sich der Ton: Von Zweifeln geplagte Redakteure ließen nun auch abdrucken, dass "in unserer Republik Widersprüche und Probleme herangereift sind". Doch wenige Zeilen weiter begingen die Ausreisekandidaten dann wiederum "Verrat an der Heimat".

Während sich die Staatsführung in Berlin zum DDR-Jahrestag bejubeln ließ, gründete in Schwante, nördlich der Hauptstadt, ein kleiner Kreis von Vordenkern um den heutigen SPD-Politiker Markus Meckel die SDP – die Sozialdemokratische Partei in der DDR. Im westsächsischen Plauen gingen 10.000 Mutige auf die Straße. Tags drauf entstand in Dresden die "Gruppe der 20": Der katholische Geistliche Frank Richter sammelte auf der Prager Straße knapp zwei Dutzend der 20.000 Demonstranten um sich, damit sie am nächsten Tag die Forderungen der Bürger an Oberbürgermeister Berghofer vortragen sollten. Dem Einsatzleiter der Polizei sagte er: "Wir wollen keine Gewalt."