Jeder Türke, der zehn Obst- und Gemüsesorten fehlerfrei schreiben kann, mokiert sich sofort über die ungebildeten und zurückgebliebenen Türken – also über alle außer ihm selbst.

Auch länderübergreifend funktioniert das Türken-Bashing – genauer gesagt zwischen Türkei-Türken und Deutsch-Türken. Die türkische Mittelklasse in der Türkei betrachtet die nach Deutschland ausgewanderten Arbeiter als eine Horde ungebildeter, anatolischer Ziegenmissbraucher, die sich nicht benehmen kann und das Ansehen der stolzen türkischen Nation im Ausland ruiniert hat.

Dagegen ist der Vorwurf, Obst und Gemüse zu verkaufen geradezu süß.

Angenommen, dieser Tage begegnen sich ein Türkei-Türke und ein Deutsch-Türke auf der Anuga, der internationalen Lebensmittelmesse in Köln. Auf der Anuga wird Obst und Gemüse im großen Stil verkauft und die Türkei ist passenderweise dieses Jahr offizielles Gastland.

Mag der Deutsch-Türke das Obst im elterlichen Geschäft genutzt haben, um es zusammenzuzählen und danach damit subtrahieren zu üben. Mag er es derart gefördert  tatsächlich bis zum Abitur gebracht und sogar ein Studium angeschlossen haben, so wird er jetzt auf der Anuga, sagen wir als Manager eines Lebensmittelbetriebes, auf einen türkischen Funktionär treffen.

Er wird nervös sein wie ein kleiner Junge vor dem ersten Diktat. Er wird kontrollieren, ob seine Fingernägel sauber sind. Er wird vor lauter Aufregung Bauern-Türkisch mit deutschem Akzent sprechen. Und er wird angestrengt die Vorstellung aus seinem Kopf vertreiben wollen, dass sein Vater etwas mit einer Ziege gehabt haben könnte.

Der türkische Funktionär wird die Vokale in seinem Istanbul-Türkisch betont lang ziehen und den Deutsch-Türken tadeln, weil dieser seine schöne Muttersprache vernachlässigt habe. Zu vorgerückter Stunde wird er dann hinterhältig, aber vertraulich im Ton fragen, wie man es aushalte unter diesen humorlosen Teutonen, die nicht nur keine Ahnung von Lebensmitteln hätten, sondern sie auch nicht zu einem anständigen Essen verarbeiten könnten.