Jeden Morgen um 6.30 Uhr klingelt sein Wecker. Dann übt Hoang Quang eine Stunde lang den "Tiger" im Innenhof: Kurz und kraftvoll stößt er beide Hände in die Luft, die Finger wie Krallen gekrümmt. Hoang ist Großmeister im vietnamesischen Nam Hong Son-Kung Fu. Kung Fu ist für ihn Lebensphilosophie, Lebensversicherung und Sport – und zwar genau in dieser Reihenfolge.

Hoang Quang ist 57 Jahre alt und war einer von rund 60.000 vietnamesischen Vertragsarbeitern, die vor der Wende in die DDR kamen.

Allein zwischen 1949 und 1961 hatten 2,7 Millionen Menschen die DDR verlassen. Menschen, die dem Land fehlten. Günstige Arbeiter aus "sozialistischen Bruderländern" sollten die ostdeutsche Planwirtschaft stützen. Mehr als die Hälfte dieser Vertragsarbeiter kamen aus Vietnam. Ihre Arbeitsverträge waren auf fünf Jahre begrenzt. Als die Arbeitslosigkeit nach der Wende rasant stieg, waren sie plötzlich überflüssig. Die Regierung bot ihnen Rückflüge in ihre Heimatländer an. Doch Hoang blieb. "Wegen der Möglichkeiten", sagt er.

An den 31. Juli 1987, das Datum seiner Ankunft in Leipzig, erinnert er sich noch genau. "Es war warm, aber nicht so warm wie in Vietnam", sagt er. Er spricht in abgehackten Sätzen. Häufig fehlt die Wortendung. Das "S" auszusprechen, fällt ihm besonders schwer.

Seine Eltern nannten ihn Quang, so wie die Provinz im Norden Vietnams, in der er zur Welt kam. "Ich liebe die Landschaft dort", sagt er. Er zieht seine Augenbrauen hoch. Der Scheitel teilt sein schwarzes Haar in genau zwei Hälften.

Heute besitzt Hoang ein Textilgeschäft, in dem er Kleidung, Deckenlampen und Parfüms verkauft. Er sitzt hinter einem kleinen Tisch, auf dem eine Kasse und eine Nähmaschine stehen. Auf seinem Schoß liegt aufgeschlagen die Bild-Zeitung. Der Duft von vietnamesischem Kaffee liegt in der Luft. Als ein Kunde den Laden betritt, springt Hoang auf: "Kann ich helfen?"

In Hanoi hat Hoang vier Jahre lang Mathematik und Informatik studiert. In Leipzig arbeitete er nach seiner Ankunft als Gruppenleiter beim VEB Bekleidungswerk vestis. Rund 260 Mitarbeiter unterstanden ihm dort. Hoang koordinierte die Arbeitsabläufe zwischen den vier Werken des Betriebes. Das ging nur mithilfe von Dolmetschern.

 

Hier lernte er auch seine Frau Hoang Lan kennen. Kinder hatten sie lange keine, weil Schwangerschaften laut Arbeitsvertrag ein Kündigungsgrund waren.

Nach der Wende wusste Hoang nicht, ob er in Deutschland würde bleiben können. Zunächst erhielt er nur eine Aufenthaltsduldung, die er Jahr für Jahr verlängern musste. Dann verlor er seinen Job.

Die Tür geht auf und Hoangs Sohn Viet betritt das Geschäft. 1993 kam er zur Welt. Er trägt eine Jogginghose und eine Lederjacke. In seinem linken Ohr blinkt ein Ohrring. Viet stellt sich neben seinen Vater, den er um einen halben Kopf überragt. "Ich hätte mich damals nicht getraut, ohne Verwandte in ein anderes Land auszuwandern", sagt er. Sein Vater sei charakterstark und intelligent. "Er zählt zu den schlausten Menschen, die ich kenne."

Nachdem er seine Stelle verloren hatte, verkaufte Hoang in den neunziger Jahren Kleider auf dem Bayerischen Platz in Leipzig. "Bei Kälte wie bei Regen", sagt er. Neben Indern und Pakistanern baute Hoang mit seiner Frau den Stand morgens auf – und abends wieder ab. Acht Jahre lang.

An einem Tag im Jahr 1991 näherten sich rund zwanzig Skinheads seinem Verkaufsstand. Mit Gaspistolen, Messern und leeren Bierflaschen bedrohen sie ihn. "Ausländer raus, Ausländer raus", grölen sie. Geld und Waren wollen sie. Doch der Kung-Fu-Meister weiß sich zu wehren. "Angst hatte ich nicht", sagt er. Mit einem Nuntschatku hält er die Skinheads in Schach. Als die Polizei endlich kommt, ist kein Skinhead mehr zu sehen. "Die Polizei hat nur meine Daten aufgenommen", erinnert er sich heute. Das Verfahren wurde wenige Tage später eingestellt.

Auch Viet machte in der Schule Erfahrungen mit Ausländerfeindlichkeit. "Fidschi" schimpften ihn einige Mitschüler. Kung Fu half ihm, sich der Hänseleien zu erwehren. "Nichts Ernstes – eine kurzes Gerangel, dann hatten sich die Fronten geklärt." Mittlerweile hat Viet viele Freunde – deutsche und ausländische. Fünfmal die Woche trainiert er für den Fußballverein RB Leipzig. "Ich möchte hier meine Familie gründen und mein Geld verdienen", sagt er. Nach dem Abitur in zweieinhalb Jahren will er Informatik studieren. Sein Vater lächelt.

1998 erhielt Hoang mit seiner Familie eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung und konnte den Stand im Freien aufgeben und sein Geschäft eröffnen. "Der eigene Laden bedeutet mir sehr viel", sagt er. Noch wichtiger ist ihm aber seine Kung-Fu-Schule. Seit siebzehn Jahren betreibt er die Sportschule in Leipzig, nicht so sehr wegen des Geldes: Seinem Ur-Großvater, der selber eine Kampfschule in Hanoi geleitet hatte, versprach er, den Kung-Fu-Stil weiter zu entwickeln. 

 

Drei Mal die Woche trainiert Hoang mit seinen Schülern. In der Turnhalle des Immanuel-Kant-Gymnasiums in Leipzig haben sie gerade mit der Aufwärmübung begonnen. "In die Knie! Dreihundertsechzig Grad springen!", brüllt er über das Stampfen ihrer Füße. Schon nach wenigen Minuten wischen sich die Schüler Schweißperlen von der Stirn. Hoang ist die Anstrengung nicht anzusehen.

Nach der Aufwärmphase kommen die Figuren. "Die Finger wie einen Drachen halten", ermahnt Hoang seine Schüler, die versuchen, seine Gesten nachzuahmen. Hoang nimmt sich die Zeit, um die Finger eines Schülers in die richtige Stellung zu bringen.

Gegen Ende der Stunde übt er etwas abseits mit den Anfängern. Einer der Schüler scheitert zum wiederholten Mal an einer Figur und flucht. Als Hoang dies bemerkt, holt er ihn in die Mitte, klopft ihm auf die Schulter und sagt ihm zwei Worte, die sein eigenes Leben zusammenfassen: "Nicht aufgeben!"