Es wurde Licht. Ja, die Neuschöpfung Berlins, die an dem legendären Novemberabend heute vor 20 Jahren so unverhofft jäh und dann jubelnd begann, sie glich im ersten Moment einem Blitz der Geschichte.

Das Sinnbild vom werdenden Licht aber meint nicht nur die Genesis und den prometheischen Fortschritt, die Aufklärung, Befreiung und Zukunftshoffnung, es kann auch ganz sinnlich gelten. Wer heute nämlich erstmals nach Berlin kommt, der erhält kaum noch eine Vorstellung, wie diese Stadt vor zwei Jahrzehnten war. Und junge Berliner, die in den achtziger Jahren oder später geboren wurden, können sich diese kaum vergangene Zeit schon gar nicht mehr ausmalen.

Wer aber Großberlin in den Zeiten vor der Wende bei Dunkelheit überflog, der konnte die Teilung der Stadt schon aus der Luft erkennen: Es gab jenseits der bedrückenden Lichtspur der Grenzanlagen eine fast schwarze Hälfte. Und wer, vom Westen kommend, durch den düsteren Bahnhof Friedrichstraße mit seinen mit Taschenlampen und Spürhunden bewaffneten Grenzern und dann durch die Kontrollen im schäbigen "Tränenpalast" in den abendlichen Berliner Osten gelangte, der war, nein: nicht im Herzen der Finsternis. Aber im trüben Halbdunkel, zwischen Ruß- und Ruinenschwarz und jenem fahlen Gleißen auf den windigen betonierten Aufmarschflächen, welche die Mitte der "Hauptstadt der DDR" eher nach Bulgarien oder Pjöngjang als nach einer europäischen Kulturstadt aussehen ließen.

Auf dem Gendarmenmarkt wuchs Steppengras zwischen den Steinen, aber unterm Pflaster war nirgends der Strand. Am Brandenburger Tor die Grenzwunde und Einöde, der Potsdamer Platz westlich der Mauer, der Pariser Platz oder Leipziger Platz im Osten nicht mehr vorhanden, nur noch Brache oder Ruin, und der zum ostmodernen Underground aufgestiegene Prenzlauer Berg bröckelte und zerfiel wie alle Altstädte der DDR.

Auch die andere, vergleichsweise luxuriös alimentierte West-Stadthälfte, die fast nur am Kurfürstendamm noch äußerlich glänzte und zwischen Zehlendorf und Kreuzberg in die unterschiedlichen Milieus der ergrauenden Achtundsechziger, des Restbürgertums und der Jungalternativen zerfiel, auch sie wirkte als schiere Gegenmanifestation zum Osten nur noch durch die äußere Mauer im Innern zwangsverbunden. So war auch der viel reichere Berliner Westen wie von Mehltau überzogen. Befallen vom Staub der künstlichen Existenz, den selbst die blühende Kunst der Philharmoniker, der Schaubühne oder der saisonal wechselnden Festspiele nicht mehr wegblasen konnte. So wenig, wie die teils offiziöse, teils subversive zweite Kulturhauptstadt im Berliner Osten mit ihren Theatern, Museen und Literaturzirkeln das wirtschaftliche, politische, gesellschaftliche Überleben sichern konnte.

Berlin galt damals als spannende, aber graue Stadt. Nun leuchtet es wieder. Leuchtet ganz anders natürlich als in den legendären zwaniger Jahren, aber selbst das Grau hat nun viel mehr Nuancen. Berlin glänzt sogar mit seinen kunstvoll kultivierten Narben wie im Fall des aus Ruinen auferstandenen Neuen Museums oder mit dem polierten Dunkel des Holocaust-Mahnmals, das ein belebter Treffpunkt der Jugend aus aller Welt geworden ist: zur Verwunderung erst einiger pietätvoller Älteren, aber ganz im Sinne seines amerikanischen Erfinders Peter Eisenman und mancher Holocaust-Überlebender, die sich vieles, nur keinen weiteren symbolischen Friedhof wünschten.

Berlins Leuchtkraft schließt auch das Zwielicht, schräge Schlaglichter oder allerhand Irrlicht mit ein. Aber hätte es den Mauerfall, die Wende und die Wiedervereinigung nicht gegeben und hätte der Bundestag doch Bonn statt Berlin am seidenen Faden des politischen Wankelmuts zur deutschen Hauptstadt gewählt, dann wären die Lichter längst ausgegangen. Oder doch: Eine kleine graue Leuchte wäre wohl geblieben, eben eine Stadt im sandigen Osten, mit nichts als versteinerter Vergangenheit und kaum noch bezahlbarer Zukunft.