Die andere sind die Reden. Bis heute klingen manche Sätze im Ohr, wie Hammerschläge gegen das verknöcherte System und gegen die Mauer. Hier wollen die meisten zur Reisefreiheit noch eine andere, modernere, von Parteidiktatur befreite DDR. "Stell dir vor, es ist Sozialismus und keiner geht weg!" ruft Christa Wolf. Und "der Nestor unserer Bewegung", Stefan Heym, formuliert unsere Gedanken in einem einzigen Satz: "Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation, der geistigen, wirtschaftlichen, politischen, den Jahren von Dumpfheit und Mief und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit." Orkanartiger Beifall. Der wiederholt sich, als die Schauspielerin Steffi Spira für ihre Enkel wünscht, dass sie ohne Fahnenappell aufwachsen, dass die greisen Führer zurücktreten und dass – nach Brechts Lob der Dialektik – "Aus Niemals wird: Heute noch!"

20 Jahre später spricht Jens Reich von einem grandiosen Happening, für Friedrich Schorlemmer vollendete sich bei dieser öffentlichen Delegitimation der Herrschenden durch das Volk die friedliche Oktoberrevolution, und Schauspielerin Johanna Schall sagt, dass sie nach diesem "euphorischen Tag mit Disziplin und Anarchie" nie wieder so viele wunderbar stolze Deutsche gesehen habe. Unvergessliche Stunden. Fünf Tage noch – dann drückt das Volk die Mauer ein.

Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 03.11.2009