Zu geringes sexuelles Verlangen sei eine Störung, die für eine Frau eine erhebliche Belastung bedeute und ihr Selbstwertgefühl schwächen könne, sagte Anita Clayton, Psychiaterin an der Universität von Virginia und eine der Autorinnen der Hauptstudie. Die Ergebnisse belegten, dass man "aufregende Fortschritte" bei der sexuellen Gesundheit der Frau gemacht habe. Dies sei ein "Meilenstein" für ein unterschätztes Problem, für das es noch keine offizielle Arzneitherapie gebe.

Manche Kritiker sehen das anders. Sie werfen der Pharmaindustrie vor, Störungen regelrecht zu erfinden, um neue Märkte für Medikamente zu erschließen. So werde die Bedeutung von weiblichen Libidostörungen übertrieben. Zudem löse ein Medikament nicht die oft komplizierten seelischen oder sozialen Probleme, die sexuellen Störungen zugrunde liegen würden, etwa Stress oder ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper.

"Man sollte Frauen zuhören, die das Problem haben", kontert die Sprecherin von Boehringer Ingelheim. "Da gibt es einen dringenden Bedarf, das ist keine erdachte Erkrankung, sondern ein echtes Problem." Auch seien es nicht etwa die Männer, die ihre Partnerinnen zu einer Behandlung drängten. "Die Frauen wollen selber etwas tun."

Boehringer Ingelheim strebt nun die Zulassung von Flibanserin an. Wann die Arzneimittelbehörden diese erteilen, ist jedoch noch unklar. Die Prognose, in 18 Monaten könne das Mittel auf dem Markt sein, wollte die Sprecherin nicht bestätigen. "Das kann schneller gehen, aber auch länger dauern."

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 19.11.2009)