Plötzlich geriet ich zwischen die Frauen. Im Oktober ’89 war ich gerade 22 – und dachte: Diesem Stress mit den Mädels gehst du besser aus dem Weg.

Natürlich waren Frauenprobleme nicht mein einziger Anreiz, mir ein Visum für Ost-Berlin zu besorgen. Ich bin West-Berliner, Kreuzberger. Im Fernsehen hatte ich die Proteste im Osten gesehen, die Großdemos. Dass sich da etwas bewegt. Faszinierend! Das schaust du dir an, dachte ich, daran willst du teilhaben, da fährst du hin. Fotos machen.

Ich war damals Fotograf bei der US-Airforce und saß in einem Büro auf dem Flughafen Tempelhof. Ich glaubte, ungefähr zu wissen, was da auf mich zukommt.

Klar, ich ahnte nicht, dass der 9. November ein besonderer Tag werden würde. Morgens trödelte ich erst mal. Irgendwann beschloss ich: Heute fährst du. Ich bin zur S-Bahnstation Friedrichstraße gefahren und gegen 12 Uhr mittags in den Osten eingereist. Dutzende Male war ich zuvor auf dem Transit gewesen und zweimal auch bei Bekannten in Görlitz, aber in Ost-Berlin war ich vorher nie gewesen. Und vom ersten Moment an dachte ich: Ist das hier ätzend. Dieser typische Ostgeruch, man kann den gar nicht beschreiben.

Also lief ich durch Ost-Berlin. Es war kein besonderer Tag, und ich relativ orientierungslos. Erst Unter den Linden lang, zum Alexanderplatz, bis zur Weltzeituhr, am Palast der Republik vorbei. Und das Einzige, was ich dachte, war: Wo ist denn der Aufruhr? Es war total langweilig! Kein einziges Foto habe ich gemacht. Nicht eins.

Ich bin in die Breite Straße gegangen, zur Stadtbibliothek. Dort hingen Bilder der Oktoberproteste, ich weiß nicht mehr, ob es die von Leipzig oder Berlin waren, mit Kerzen und Plakaten, der einzige Beweis dafür, dass hier etwas passierte. Es war ein regnerischer Tag, diesig und dunkel, und nach drei Stunden sinnlosem Fußmarsch überlegte ich, was ich mit meinen 25 zwangsumgetauschten Ostmark anstellen könnte. Dafür kriegst du am Imbiss 25 Dampfwürste, aber was willst du mit 25 Dampfwürsten? Da biss man rein, und es spritzte.

Alles, insgesamt, sehr langweilig. Ich beschloss, wieder nach Hause zu fahren. Noch immer mit 23 Ostmark in der Tasche. Am Bahnhof Friedrichstraße standen damals immer Damen, die Blumen verkauften. Ich glaube, die lebten nur von dem Geld, das ihnen Leute schenkten, die wieder nach West-Berlin fuhren. Ich habe ihnen also auch mein Geld gegeben und bin zurück nach Tempelhof.