Ich war zehn Jahre alt, als mich meine Mutter an einem Novemberabend 1989 umarmte und rief: "Wir können jetzt in den Westen fahren. Wann wir wollen!" Dort drüben welche Lichter! Es gab Geschmäcker und Gerüche, die Farben hatten. Ein ganz neues Leben begann, so viel stand fest.

Dann gibt es da dieses Foto aus dem Juni 1990. Wir verbrachten unsere ersten Tage im richtigen Westen; nicht in jenem aufgeregten Westberlin in den Tagen des Mauerfalls. Freunde, die meine Eltern vor der Wende gewonnen hatten, luden uns zu sich ein.

Auf dem Bild sind die Söhne der Freunde, meine Schwester und ich vor einer Plastik der Bremer Stadtmusikanten zu sehen. Die Söhne schauen eher desinteressiert in die Kamera. Meine Schwester sieht unwillig aus. Sie wollte den Rock nicht tragen, den die Freunde ihr gekauft hatten. Ich schaue ängstlich von unten.

Das Foto ist nicht schön. Meine Mutter sagt, wir seien verunsichert gewesen von den liberalen Freunden und deren Kindern, die sich wie Erwachsene benehmen durften: schimpfen, genervt sein, nicht mitmachen. Ich spürte aber auch, dass ich anders aussah als die Einheimischen. Ich trug die falschen Sachen und die falsche Frisur. Alle erkannten den Ossi, obwohl ich nichts weniger sein wollte als das. Meine erste Westerfahrung: Ich bin peinlich. Und die Schwester auch. Die Eltern sowieso.

Dann wurde es ungemütlich in meiner Heimatstadt Frankfurt/Oder. Unsere Eltern sagten oft, dass wir uns darauf gefasst machen müssten, bald kein Geld mehr zu haben. Papa könnte arbeitslos werden. Papa wurde nicht arbeitslos. Aber die Furcht begleitete mich und meine Schwester, bis wir erwachsen waren.

In der Schule hieß es, von nun an würde alles anders. Einige Lehrer erklärten uns, dass wir lernen müssten, uns anzupassen und durchzusetzen. Nicht jeder würde es schaffen. Andere Lehrer schwiegen. Und plötzlich gab es Schläge. Immer mehr Klassenkameraden trugen Bomberjacken. Je mehr es wurden, desto größer wurde der Druck. Immer häufiger die Frage: Ob ich nicht stolz sei, Deutscher zu sein? Ein ums andere Mal lief ich davon, drei Mal war ich zu langsam.

Als ich zwanzig war, zog ich nach Hamburg. Ich arbeitete in einem Zoofachmarkt am Rand der Stadt. Der Chef sagte, Ossis müssten lernen, dass es nicht alles geschenkt gäbe und man sich anstrengen müsse, um etwas zu erreichen. Ich gehorchte. Bemühte mich, so westdeutsch wie möglich zu werden. Gewöhnte mir meinen Dialekt ab und trank das richtige Bier. Später, an der Uni, machte ich in linken Hochschulgruppen mit und schimpfte manchmal über Ossis.