Die meisten Deutschen kannten ihn als Gastgeber, neudeutsch host, von "Talk im Turm", der ersten deutschen TV-Talkshow von politischem Gewicht, die er bis 1998 fast vierhundert Mal moderierte. Hinter der Außenansicht eines freundlichen Herrn, der mit seiner Brille spielte, verbarg sich ein scharfsinniger Geist, der wie keiner seiner unzähligen Nachfolger die beste journalistische Tugend verkörperte: Neugier. Also ließ er seine Gäste aussprechen. Statt aggressiver so genannter "Einspielungen", deren einziger Zweck darin besteht, Abgeordnete, Minister oder andere Prominente aufs Glatteis zu führen, verließ sich Böhme auf sein politisches Wissen, das sich in ironischen Nachfragen und manchmal einfach nur in einem sarkastischen Lächeln manifestierte. Er war, anders gesagt, ein souveräner Kenner und bisweilen auch grundlos heiterer Beobachter unserer Gesellschaft. Weil er sich selbst nicht auf ein Podest stellte, hatte er auch keinen übertriebenen Respekt vor politischen Denkmalgrößen. Er nahm sich zurück und stand vielleicht deshalb im Mittelpunkt.   Und er konnte aus seiner langen Erfahrung als Spiegel-Chefredakteur schöpfen.

Siebzehn Jahre lang steuerte er das Hamburger Nachrichtenmagazin zusammen mit seinem Kopiloten Johannes K. Engel. Es war die goldene Ära der Zeitschrift. Jährliche Erträge von mehr als 50 Millionen Mark erlaubten einen investigativen Journalismus, der heute fast unbezahlbar geworden ist. Reporter verbrachten Monate auf einer einzigen Auslandsrecherche, Korrespondenten auf dem ganzen Globus konnten in einer heute unvorstellbaren Muße an ihren Texten mit der Geduld von Juwelieren arbeiten. Das Archiv und das Dokumentations-Ressort genossen den (nicht immer berechtigten) Ruf der Unfehlbarkeit. Der Spiegel pflegte seine Prozesse gewöhnlich zu gewinnen. Seine Feindschaften, ob mit Franz Josef Strauß oder Helmut Kohl, gestaltete das Magazin als große Montags-Opern; seine politischen Irrtümer – und die gab es – hätten einem Don Quichotte zu Ehren gereicht. Die vom Spiegel inszenierte "Barschel"-Affäre allerdings glich einem Ritt auf dünnem Eis; denn die wichtigste Quelle für die unredlichen Machenschaften des Kieler Ministerpräsidenten war selbst ein Hallodri ersten Ranges. Fast wäre der Chefredakteur über die Veröffentlichung gestürzt. Später sollte er sie als seinen größten Coup bezeichnen.

Erich Böhme führte die Zeitschrift vom Schreibtisch aus; der war groß und mächtig, aber keineswegs wurde er als Barriere missbraucht. Seine Tür war offen. Im Stockwerk über ihm saß der Eigentümer Rudolf Augstein. Dessen Nimbus, seine scharfzüngige Unnahbarkeit, die eine ganze Redaktion bisweilen in Furcht und Schrecken versetzen konnte, verfehlten freilich ihre Wirkung auf Erich Böhme. Der war ein souveräner Chef, der auch argen Zumutungen des Doyens widerstehen konnte. Das machte ihn zu einem geachteten und auch verehrten Verbündeten seiner Ressortleiter.

Der Augstein-Biograph Peter Merseburger verglich Böhme mit einem Ofen, der menschliche Wärme ausstrahlte – in einem Magazin, das nicht gerade für seine Zuneigungen, übertriebene Herzlichkeit oder einem Verständnis für Schwächen mancher Art bekannt war. Böhmes innere Heiterkeit machte ihn unabhängig – auch von Freundschaften mit Politikern, die er durchaus pflegte, ohne sich jemals vereinnahmen zu lassen. So mag jene seltsame Mischung von Zuneigung und Respekt, ja, auch Furcht entstanden sein, mit der Bonner Politiker aller Parteien ihm begegneten. Er war kein Zuchtmeister der Redaktion oder gar der Bonner Parteien – die wahren Boshaftigkeiten überließ er, soweit sie begründet waren, seinen Korrespondenten in der provisorischen Hauptstadt.

Als die Mauer fiel, verabschiedete sich Erich Böhme von der neuen Zeit mit einem Aufsehen erregenden Artikel, in dem er bekannte, dass er nicht "wiedervereinigt werden" wollte. Es war eine aparte Form der Kündigung, denn eines wusste er genau: Hinter Rudolf Augsteins linksliberalem Image verbarg sich eine schier unerschütterbare, durchaus konservative Sehnsucht nach einem geeinten Deutschland. Ein national-liberaler Preuße erkannte den Mainzer Separatisten. So könnte es in Augsteins Kopf zugegangen sein. Man trennte sich. Vielleicht war ihm der Chefredakteur auch zu mächtig geworden.

Dass Erich Böhme in letzter Ehe mit der ehemaligen Sprecherin der "Aktuellen Kamera", Angelika Unterlauf, im östlichen Brandenburg lebte, sollte sein damaliges Bekenntnis aufs Glücklichste widerlegen. Mit 79 Jahren ist er gestorben. Zu früh.