Dank der Schweizer Bescherung ist für Europas Volkspopulisten jetzt schon Weihnachten. Und wie! Das hätten sich die nationalistischen Matadore einer christlich-scheinheiligen Monokultur aber auch kaum zu wünschen gewagt und als Ergebnis der Schweizer Volksabstimmung wohl auch nicht erwartet: Diese 57, 5 Prozent Zustimmung zu einem Bauverbot für Minarette in der Schweiz sind fürwahr eine gigantische Überraschung!

Gratulieren möchte man nicht. Das ist immerhin der bisher größte Triumph für die völkische Rechte in Europa, die sich zwar formal demokratisch gebärdet und bei jeder Kritik sofort um Hilfe und Beistand ruft, selbst aber inhaltlich mit Demokratie, Rechtsstaat und Minderheitenschutz nichts im Sinn hat. Die zunehmende Mehrheitsfähigkeit der aggressiven Politik der Ausgrenzung und Intoleranz hätte drastischer nicht demonstriert werden können, ebenso wenig die wachsende Wirkung der real existierenden Angst vieler Bürger vor der Zukunft. Eine prekäre Situation. Prekär ist sie besonders deshalb, weil – wenn nicht alles täuscht – die Demokraten inhaltlich mit ihrem Latein weitgehend am Ende sind.

Dieser bedauerliche Trend war schon bei der EU-Wahl im Sommer erkennbar. "Die hässlichen Europäer" erfreuen sich in Zeiten der Unsicherheit anhaltender Konjunktur. Es ist die Stunde der Volkstribune, voran der bedenkenlose Österreicher Heinz-Christian Strache, der kometenhaft aufsteigende holländische Kampfstern Geert Wilders, die zahlreichen rassistischen Lautsprecher der italienischen Lega Nord, der chauvinistischen Flamenbewegung in Belgien und der islamophoben dänischen Populisten um Pia Kjaersgaard, nicht zu vergessen die chauvinistischen, zum Teil militant neofaschistischen Extremisten in der Slowakei und Ungarn.

Nahtlos fügt sich inzwischen die kleine, neutrale und so gern für hochanständig gehaltene Schweiz in diese Situation ein. Europa in Bewegung: Da gilt im Augenblick für alle, die merklich anders sind und nicht eindeutig zur herrschenden Mehrheitskultur gehören – ob wegen ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihres Glaubens, ihrer politischen Überzeugung, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung –, sie sollten sich warm anziehen und immer auf der Hut sein. Natürlich trifft nach der Schweizer Volksabstimmung zu, was schon nach den diversen Wahldebakeln der Demokraten und dem Durchbruch der Nationalpopulisten bei der Europawahl gegolten hat: Die Wähler sind nicht etwa allesamt über Nacht zu Extremisten geworden oder sonst wie plötzlich durchgeknallt.

Es sind vielmehr vor allem die äußeren Umstände sowie die politischen Fehler der Etablierten, die den Populisten mehr und mehr Wähler zutreiben: - Die Globalisierung und die wirtschaftlichen Folgen der Weltfinanzkrise
- Die begründete Vermutung, die Regierenden hätten nicht mehr den Überblick und die Kontrolle in den unruhigen Zeitläufen
- Der berechtigte Eindruck wachsender sozialer Ungerechtigkeiten
- Die Angst des bisher stabilen Mittelstandes vor einem drohenden sozialen Abstieg
- Das Gefühl, dem Tempo der Veränderungen auch in der eigenen Nachbarschaft nicht mehr gewachsen zu sein
- Die Tatsache, dass die demokratischen Traditionsparteien diese Entwicklungen ignoriert, das dadurch entstandene Gemisch an bangen Gefühlen und bösen Erfahrungen nicht bemerkt und die Brisanz der Lage daher verkannt haben.

Die Bedrohung durch den Islam? Vermutlich hätte in ökonomisch und politisch ruhigeren Zeiten ein Zubau an Minaretten in der Schweiz die Gemüter in den Kantonen und in den Nachbarländern weniger bewegt. Aber solche "ruhige Zeiten" sind längst vorbei. Und seit der europäischen Wende, die vor lauter Begeisterung über den "Sieg der Demokratie" als "Ende der Geschichte" missverstanden worden war, hat das ganze Durcheinander erst richtig begonnen. Zunächst ein Jahrzehnt lang die Kriege auf dem Balkan, dann der 11. September 2001 in den USA, das sprunghaft verstärkte Auftreten radikal-islamistischer Prediger in Europa, mit einem alsbald spürbaren Einfluss auf die moslemischen Gemeinden, dann die Anschläge in Europa (vor allem Madrid 11. März 2004), die Kriege in Afghanistan und Irak, die Eskalation in Pakistan, die Ausweglosigkeit im Nahen Osten.

Vor diesem Hintergrund sind "Fremde" nicht mehr automatisch willkommene Besucher, sofern sie das je waren. Und das real gewachsene Misstrauen der Einheimischen ist ein vortrefflicher Rohstoff für die Hetzarbeit von politischen Konjunkturrittern und Demagogen, besonders dann, wenn die Demokraten inzwischen ihren Einfluss mangels Engagement und Intensität verbraucht oder verwirkt haben.