Der "Engel mit den Eisaugen" muss wieder hinter Gitter: In der Nacht zum Samstag befanden die Geschworenen des Gerichts von Perugia die 22-jährige US-Amerikanerin Amanda Knox für schuldig und verurteilten sie zu 26 Jahren Haft. Ihr 25-jähriger italienischer Ex-Freund Raffaele Sollecito muss für 25 Jahre ins Gefängnis.

Das Urteil bedeutete das vorläufige Ende eines spektakulären Indizienprozess, der sich elf Monate hinzog. Das Pärchen hatte wegen Vergewaltigung und Mord an der 22-jährigen Meredith Kercher im Drogenrausch vor Gericht gestanden. Die britische Austauschstudentin war am 2. November 2007 halbnackt, von Dutzenden Messerstichen übersät und mit durchschnittener Kehle in ihrer Wohngemeinschaft in Perugia gefunden worden.

Die Staatsanwaltschaft hatte lebenslang für beide Angeklagten verlangt und unter anderem auf belastende DNA-Spuren am Tatmesser und am BH der Toten hingewiesen. Die Verteidiger plädierten auf Freispruch aus Mangel an Beweisen. Knox – von italienischen Medien wegen ihrer kindlichen und zugleich kühlen Gesichtszüge "Engel mit den Eisaugen" getauft – und Sollecito hatten stets ihre Unschuld beteuert. Die Verteidiger kündigten Berufung an.

Wegen desselben Verbrechens war 2008 bereits der 22-jährige ivorische Einwanderer Rudy Guede in einem verkürzten Verfahren zu 30 Jahren Haft verurteilt worden. In dem jetzigen Prozess in Perugia hatten die sechs Geschworenen und zwei Richter in dem reinen Indizienprozess Mühe, die Wahrheit zu finden. Eine einfache Mehrheit genügte für einen Urteilsspruch.

Als er kurz nach Mitternacht verkündet wurde, brach die bis dahin gelassen wirkende Knox in Tränen aus und fiel ihrem Anwalt Luciano Ghirga in die Arme. Ihr früherer Freund dagegen verzog keine Miene. "Nur Mut, nur Mut, Raffale", riefen ihm Angehörige nach, als er nach dem Schuldspruch mit Knox aus dem Gerichtssaal geführt wurde.

Den beiden sei lebenslang als Strafe erspart geblieben, weil das Gericht erschwerende Umstände bei der Tat verworfen habe, analysierte die römische La Repubblica am Samstag. Die Strafe für die US-Amerikanerin aus Seattle fiel um ein Jahr höher aus, weil sie nach dem Mord den Barmann Patrick Diva Lumumba als Täter verleumdet hatte. Knox soll ihm dafür 40.000 Euro Entschädigung zahlen, entschied das Gericht. Außerdem müssen die beiden Verurteilten die Prozesskosten übernehmen.