Es sind manchmal nicht mehr als 15 Menschen, die sich in privaten Wohnungen treffen. Zwei Mal die Woche kommen sie zusammen. Möglichst leise und unauffällig betreten sie die Wohnung. Die Nachbarn sollen nichts mitbekommen. Denn in den privaten Räumen wird ein geheimer Gottesdienst abgehalten. Menschen beten zusammen, tauschen sich über ihren Glauben aus. Immer mehr Chinesen wenden sich dem christlichen Glauben zu.

Allerdings treten sie eher nicht den offiziellen Staatskirchen bei, sondern veranstalten unabhängige Gottesdienste. Viele Protestanten treffen sich sogar in Kirchengemeinden mit Hunderten Mitgliedern. Doch auch diese großen Gemeinden sind nach chinesischem Gesetz illegal, weil sie unabhängig von der staatlichen Kontrolle existieren.

Bekannt ist vor allem die Entwicklung der katholischen Untergrundkirchen in China. Seit Jahrzehnten dürfen sich die chinesischen Katholiken offiziell nicht der Autorität des Papstes unterstellen. Deswegen haben sich neben der von der Kommunistischen Partei kontrollierten "Katholisch-Patriotischen Vereinigung" Rom-treue Untergrundkirchen entwickelt. Nach Schätzungen gibt es mittlerweile etwa 12 Millionen Katholiken in China. Davon sollen über die Hälfte der inoffiziellen Untergrundbewegung angehören. In Chinas ländlichen Gebieten entstanden während der Kulturrevolution aber auch zahlreiche protestantische Hausgemeinden.

Heute boomt die Zahl der protestantischen Hauskirchen vor allem in Großstädten. Nach Schätzungen von Open Doors, einem Verein, der sich um verfolgte Christen in der ganzen Welt kümmert, gibt es in China etwa 80 Millionen Christen, der Großteil von ihnen besucht die Untergrund- und Hauskirchen. Sie ziehen diese der offiziellen Staatskirche, der so genannten "Patriotischen Drei-Selbst-Bewegung" vor. "Im letzten Jahrzehnt ist die Zahl der Hauskirchen und deren Mitglieder in China rasant gestiegen", sagt Yu Jianrong, Soziologe an der chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften in Peking. "Allein Chinas Hauptstadt hat mehrere Hundert verschiedene nichtregistrierte Gruppen, die als Kirchen bezeichnet werden können. Sie haben eine vollwertige Organisationsstruktur mit einer klaren Aufgabenverteilung der einzelnen Mitglieder", so Yu.

Wie die Mitglieder von katholischen Untergrundkirchen müssen auch die Mitglieder der protestantischen Hauskirchen mit staatlichen Repressionen rechnen. Doch die meisten versuchen trotzdem nicht, sich offiziell registrieren zu lassen, weil sie ihre Kirche nicht der Kommunistischen Partei unterstellen wollen. "In dem Moment, in dem sich eine Hauskirche registrieren lässt, darf sie nur noch einen registrierten Pastor haben, der vom Chinesischen Christenrat freigegeben wurde - und von diesen gibt es bei weitem zu wenige. Die Hauskirchen müssen sich dann den Regeln der Staatskirche unterwerfen", so Markus Rode, Leiter von Open Doors Deutschland.

Auch in Sachen Religion fordert die chinesische Regierung die Führungsrolle der Kommunistischen Partei ein. "Aber die Regierung muss sich entscheiden, ob sie die Registrierung erlauben möchte oder ihre Existenz leugnen will.", sagt der Soziologe Yu Jianrong. Eine offizielle Positionierung zum Umgang mit den Hauskirchen ist nämlich bisher ausgeblieben. Sie einfach zu verbieten, könnte auch für die autoritäre chinesische Führung nicht ganz einfach sein. Zumindest geräuschlos dürfte dies nicht vonstatten gehen, denn einige Kirchengemeinden sind mittlerweile schon zu enormer Größe angewachsen.

"Es gibt Kirchenorganisationen, die ihren Einfluss in ganz China ausbauen. Hauskirchen wie die in der Stadt Nanyang in der Provinz Henan haben pyramidenartige Strukturen geschaffen, mit einem Hauptquartier in Peking und einem Netzwerk von Kirchen. So werden aktiv Mitglieder aus anderen Teilen des Landes geworben", sagt Yu. Einige dieser Kirchen haben sogar die finanziellen Möglichkeiten, Säle oder ganze Stockwerke für ihre Gemeindearbeit zu nutzen.