Eine einsame Hauswand und eine kleine Betonbaracke, mehr ist in diesem Viertel nicht stehen geblieben. "Don’t broken - nicht zerstört" haben Bewohner in fehlerhaftem Englisch an die Wand gepinselt. Darunter ist das Wort Tsunami zu lesen. Mit einer Welle sind die schwarzen Buchstaben unterstrichen. Diese Welle hat am 26. Dezember 2004 das Leben der Menschen in der Stadt Banda Aceh im Norden der indonesischen Insel Sumatra für immer verändert.

Die Kraft des Wassers hat ein acht Meter langes Fischerboot vier Meter empor gehoben. Es blieb wie ein Wunder auf der kleinen Baracke liegen, ohne dass die Mauern einstürzten. 59 Menschen aus der Nachbarschaft konnten sich in dieses Boot retten und überlebten die verheerende Katastrophe. Doch 70.000 Bewohner von Banda Aceh hatten keine Chance, sie starben während des Tsunamis. An diesem Ort der Erinnerung ist heute eine Gedenktafel aufgestellt, das Fischerboot mit schwarzer und weißer Farbe frisch gestrichen.

Nicht weit entfernt steht das Generatorschiff Apung, 60 Meter lang, 20 breit, 18 Meter hoch. Ein Koloss. Einst hatte es Wasser unter dem Rumpf. Die Flutwelle drückte es vier Kilometer stadteinwärts. Heute ist die Apung, Teil des Tsunami-Mahnmals. Iwan Samsuar, ein kleiner Mann mit Schnauzbart und kurzen Haaren, arbeitet als Taxifahrer in Banda Aceh. Auch während des Erdbebens, dem der Tsunami folgte, ist er durch die belebten Straßen Banda Acehs gefahren. Sein Auto ließ sich plötzlich ungewohnt lenken, erinnert er sich, er vermutete einen platten Reifen. Doch es war die bebende Erde, die sein Auto schlingern ließ.

Dann kam das Wasser. Geistesgegenwärtig lud Iwan damals seine ganze Familie in sein Taxi und floh. Es hat ihnen allen das Leben gerettet. Doch die Zerstörung, die Leichen, der Ausnahmezustand machen Iwan zu schaffen, er zieht drei Tage nach dem Tsunami mit seiner Familie nach Medan, der drittgrößten Stadt Indonesiens.

Nach einem Jahr kam er wieder zurück nach Banda Aceh und er fährt wieder Taxi. Immer mehr Touristen kutschiert er zum Mahnmal und zu dem empor gehobenen Fischerboot. "Sie haben es in ihr Sightseeing Programm eingebaut. Die Touristen staunen, haben aber keinen Bezug dazu", sagt er, "ich muss immer wieder schlucken, wenn mich die Erinnerungen einholen". Wenn Iwan heute durch die Straßen Banda Acehs fährt, erinnert rein äußerlich fast nichts mehr an die Katastrophe, außer der rot-weißen Schilder in Küstennähe, die den Weg zum nächst gelegenen Rettungsgebäude weisen, und der Grabsteine hinter fast jedem Privathaus.

Die Zerstörung in der Provinzhauptstadt Banda Aceh war enorm. Außer der Großen Moschee Baiturrahman stürzten die Gebäude wie Kartenhäuser in sich zusammen. Die Notfallhilfe der internationalen Organisationen lief direkt nach der Katastrophe an. In Deutschland sammelte das Bündnis von Aktion Deutschland Hilft (ADH), einem Zusammenschluss von zehn deutschen Hilfsorganisationen, 125 Millionen Euro private Spenden für Tsunami-Betroffene, "Es war die größte Spendenbereitschaft, die jemals in Deutschland gezeigt wurde. 40 Millionen davon flossen alleine in die indonesische Provinz Aceh", sagt Maria Rüther von Aktion Deutschland Hilft.

Fünf Jahre nach dem Tsunami sind aus international bereitgestellten Mitteln alle zerstörten Häuser in Banda Aceh wieder aufgebaut. Der Schaden scheint behoben, doch das Trauma sitzt bei den Menschen noch tief. Nach einem solchen Unglück scheint es fast unmöglich, wieder zur Normalität zurückzukehren. Doch die Menschen in Banda Aceh haben keine Wahl, es muss weitergehen.

In einem Außenbezirk Banda Acehs geht es in einem neu gebauten Haus geschäftig zu. Sechs Frauen sitzen auf dem Boden und backen. Die Fliesen sind mit Matten und Zeitungspapier ausgelegt, Teigschüsseln und Teller mit traditionellen Plätzchen stehen im Raum. Rasyidah formt mit mehligen Händen aus einem Teigballen kleine Rauten, die sie vorsichtig zum Frittieren in heißes Fett wirft. Die dunkelhaarige Frau trägt ein knielanges Kleid und strahlt Zuversicht aus mit ihrem lebensbejahenden Lächeln. Sie ist die Chefin dieser Back-Kooperative. "Die Idee, gemeinsam Kekse zu backen, entstand aus der Not heraus", sagt sie. "Als wir noch in behelfsmäßigen Unterkünften gewohnt haben, sind wir Frauen uns häufiger begegnet. Wir saßen eines Tages zusammen und haben den Entschluss gefasst, dass wir endlich etwas unternehmen und ein wenig Geld verdienen wollen. Wir hatten die Idee, gemeinsam zu backen und sie dann zu verkaufen. Damit war die Keks-Kooperative gegründet."