Eine Minute lang bebte die Erde im Süden von Haiti, anschließend lag die Hauptstadt Port-au-Prince in Trümmern. Derart dramatisch waren die Folgen des Bebens der Stärke 7,3, dass die Informationen aus dem Armenhaus der Karibik nur tröpfchenweise an die Weltöffentlichkeit drangen.

Telefonverbindungen und die Stromversorgung waren kollabiert, nur über Satellit waren kurze Gespräche möglich. Nach Angaben eines Journalisten des haitianischen Senders Haitipal stürzten zahlreiche Gebäude ein wie Kartenhäuser, darunter ein Teil des Präsidentenpalasts, ein Krankenhaus, Ministerien und eine Schule. Beschädigt seien auch das Parlament, die Kathedrale und der Sitz der UN-Stabilisierungstruppe Minustah, die rund 7000 Soldaten und 2000 zivile Mitarbeiter in Haiti stellt.

Viele Menschen seien unter den Trümmern begraben. "Unsere Diplomaten vor Ort haben viele Leichen auf den Straßen und Gehwegen gesehen", sagte ein Sprecher des US-Außenministeriums in Washington. "Wir rechnen mit Tausenden von Toten", sagte Karel Zelenka, der Repräsentant einer US-amerikanischen, katholischen Hilfsorganisation in Port-au-Prince. Andere Quellen gehen von Hunderten Toten aus. Offizielle Angaben gibt es nicht.

Das Beben um fünf Uhr am Dienstagnachmittag habe eine riesige Staubwolke ausgelöst, Menschen seien in Panik auf die Straßen gerannt, überall blockierten Trümmer die Wege, berichtete ein Mitarbeiter des US-Landwirtschaftsministeriums. "Ich war auf dem Weg in mein Hotel, als die Erde zu brummen und zu beben begann, und ich gegen eine Mauer geschleudert wurde", sagte Henry Bahn. "Das Stadtzentrum wurde zerstört, es herrscht Chaos, überall ist Wehklagen zu hören", berichtete ein anderer Augenzeuge.

Aus dem Landesinnern gab es keine Informationen. Sofort nach dem Beben noch per Internet verbreitete Bilder zeigten eingestürzte Häuser und zerquetschte Autos in einer nicht benannten Stadt.

Der haitianische Botschafter in den USA, Raymond Alcide Joseph, sprach von einer Katastrophe biblischen Ausmaßes. Staatschef René Préval blieb ihm zufolge unversehrt.

Der Staatsapparat, der schon in normalen Zeiten ineffizient ist, dürfte mit der Situation völlig überfordert sein. Die prekäre Infrastruktur hat durch die Wirbelstürme im Jahr 2008 schwere Schäden erlitten. Der neun Millionen Einwohner zählende Karibikstaat ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre, rund 80 Prozent der Bevölkerung leben in bitterer Armut.

Doch die UN-Mission Minustah wurde offenbar durch das Beben selbst schwer getroffen. Eine große Zahl von Mitarbeitern wird nach UN-Angaben noch vermisst. "Die Verbindung zu den Männern und Frauen in Haiti ist sehr dünn. Das Erdbeben hat alle Kommunikationsmöglichkeiten unterbrochen", sagte Alain Le Roy, Untergeneralsekretär für friedenserhaltende Maßnahmen.