Geschlafen haben viele von ihnen schon in der vergangenen Nacht nicht. Mit Rucksäcken, Isomatten und Wasserflaschen stehen sie am Morgen in der Abflughalle des Düsseldorfer Flughafens. Aus ganz Deutschland sind sie angereist, Ärzte, Krankenschwestern, Apotheker und ein Logistiker, um den Erdbebenopfern in Haiti zu helfen. Sie sind mit der Hilfsorganisation Humedica aus Kaufbeuren unterwegs.

Wolfgang Groß ist übermüdet. Der Humedica-Geschäftsführer, ein Herr mit grauem Haar und Brille, steht wie alle anderen in einer roten Weste am Flughafen. Auch er hat sich die Nacht um die Ohren geschlagen. "Wir haben noch Röntgenfilme organisiert", sagt er. Am Mittag sollte die Gruppe mit einer Maschine über Puerto Plata in der Dominikanischen Republik Richtung Haiti starten. Dort haben schon einige Kollegen mit der Arbeit im "Krankenhaus der Hoffnung" begonnen, das weitgehend unzerstört geblieben ist.

Groß scheint selbst erstaunt darüber, was alles übers Wochenende organisiert werden konnte. Am Freitag hatte eine Fluggesellschaft angeboten, kostenfrei einen Airbus für einen Hilfsflug zur Verfügung zu stellen. Drei Tage später sind 35 Tonnen Material an Bord, Infusionen, Verbände, OP-Material, vor allem aber Medikamente. Noch am Morgen kommt eine Lieferung.

Die Truppe, zu der auch die Kindernothilfe und Ein Herz für Kinder gehören, ist bunt gemischt. Die meisten kennen sich nicht: Der Unfallchirurg Simeon Janzen kommt aus Detmold, der Anästhesist Norman Hecker aus Tübingen, Krankenschwester Sabine Brehm aus Germaringen – ihre Namen werden sie sich heute noch nicht merken können.

Einige sind erfahrene Helfer, wie der Bonner Allgemeinmediziner Michael Brinkmann. Mit kurzem Bart und Metallbrille steht der schmale dunkelblonde Mann in der Abflughalle. Der 50-Jährige kennt schon einige Krisengebiete der Erde, es ist sein zehnter Einsatz, der vierte für Humedica. Kosovo, Pakistan, Irak und Somalia sind nur einige der Länder, in denen er schon geholfen hat. Früher war er oft monatelang unterwegs, seit er Familie hat, schätzt er das eigene Risiko anders ein. "Wenigstens ist es diesmal kein Kriegsgebiet", hat ihm seine siebenjährige Tochter Lisa zum Abschied gesagt. Ohne die Familie daheim, sagt er, wären seine Einsätze gar nicht denkbar. "Da bin ich gut aufgehoben. Da kann ich auch mit meinen Problemen wiederkommen."

Michael Brinkmann hilft, weil er zu dem Schluss gekommen ist, "dass es gut ist, sich nicht nur um sich selbst zu kümmern". Und irgendwie mag er es auch, "mit den fünf Sinnen zu untersuchen". Es sei möglich, ohne Kernspin und Ultraschall gute medizinische Versorgung zu bieten, sagt er.

Mit von der Partie ist auch ein spontaner Helfer aus Berlin. Johnny Bernard. Er ist halb Dominikaner, halb Haitianer und führt mit seiner Frau ein Reisebüro. Ein weiteres hat er in Puerto Plata, erzählt er. Seine Angehörigen in Haiti, "ein paar Onkel und Cousinen," haben alle überlebt, sie wohnen an der Küste Haitis. Als er vom Beben hörte, hat seine Frau im Internet recherchiert – und sie haben Humedica ihre Hilfe angeboten. Die haben angenommen. Nun erzählt der 42jährige unter den Augen von Logistiker Florian Hansmann sichtlich stolz, dass der Transport des Materials von Puerto Plata nach Port-au-Prince schon organisiert ist.

Zum Abschied kam der Botschafter Haitis, Jean Robert Saget, an den Flughafen. Wolfgang Groß blieb mit ihm zurück. Für ihn geht die Arbeit in Deutschland weiter. Am Mittwoch soll der nächste Flieger ins Erdbebengebiet starten.