Die Folgen des Erdbebens in Haiti – dem schwersten seit 150 Jahren – sind verheerend. Am Dienstagnachmittag (Ortszeit) bebte die Erde in dem ärmsten Land Lateinamerikas. Bereits der erste und schwerste Stoß erreichte eine Stärke von 7,0 auf der Richterskala und richtete schwere Schäden an. Nach Schätzungen von Ministerpräsident Jean-Max Bellerive könnten mehr als Hunderttausend Menschen ums Leben gekommen sein. Weite Teile des Inselstaats auf der Karibikinsel Hispaniola sind verwüstet.

In dem Gebiet, das am schwersten erschüttert wurde, leben den Vereinten Nationen zufolge rund 238.000 Menschen. Besonders betroffen ist die Hauptstadt Port-au-Prince. Das Epizentrum des Bebens lag nur 16 Kilometer von der Kapitale entfernt, die mit ihren 1,2 Millionen, meist armen Einwohnern als völlig überbevölkert und unterversorgt gilt. Dass das Beben zudem nur in zehn Kilometern Tiefe lag, hat Experten zufolge die Zerstörungen potenziert.

In Port-au-Prince spielten sich chaotische Szenen ab. Auf den Straßen lagen Leichen, verzweifelte und desorientierte Menschen graben zum Teil mit bloßen Händen in den Trümmern ihrer Häuser nach Überlebenden. Wegen der zahlreichen Nachbeben – Beobachter zählten mehr als dreißig – brach Panik unter den Menschen aus, blutüberströmte und staubbedeckte Verletzte rannten schreiend durch die Stadt. "Tausende von Menschen wissen nicht, wohin", schilderte Rachmani Domersant von der Hilfsorganisation Food for the Poor die Lage. Von Polizei und Rettungsfahrzeugen sei nichts zu sehen.

In ganz Port-au-Prince kann nur noch ein einziges Hospital Verletzte behandeln. "Alle anderen Krankenhäuser sind zusammengestürzt", sagte der Leiter des argentinischen Behelfskrankenhaus für die UN-Friedensmission, Daniel Desimone. "Wir sind von den vielen Verletzten völlig überfordert", betonte der Militärangehörige weiter. Mindestens 800 Patienten seien in den ersten Stunden behandelt worden und in zwölf Stunden mehr als als 100 Patienten operiert worden. Aus den höher gelegenen Stadtteilen kämen erst jetzt die ersten Überlebenden in tiefer gelegene Gebiete, fügte Desimone hinzu.

Reihenweise brachen Gebäude in sich zusammen, darunter Bürogebäude, Hotels, Krankenhäuser, Ministerien, Schulen, Villen, Einkaufszentren und Armensiedlungen. Auch der Präsidentenpalast sowie das fünfstöckige UN-Hauptquartier wurden dem Erdboden gleichgemacht. Nach Angaben von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon wurden mindestens fünf Mitarbeiter der Weltorganisation getötet, rund hundert weitere werden noch immer vermisst. Dazu gehört auch Missionschef Hedi Annabi, der sich zum Zeitpunkt des Bebens in Begleitung einer chinesischen Delegation in dem Gebäude befand. Der Tunesier leitete mit der Mission Minustah eine der weltweit größten Friedensmissionen der Vereinten Nationen. Rund 9000 Blauhelmsoldaten, 2000 Polizisten und 2000 weitere Mitarbeiter sollen die Sicherheitslage in der Region überwachen. Nach Angaben aus Brasilien, China und Jordanien wurden mindestens 15 UN-Blauhelme getötet.

Das Land, dessen neun Millionen Einwohner im Schnitt mit umgerechnet 400 Euro pro Kopf im Jahr auskommen müssen, dürfte die Folgen der Katastrophe aus eigener Kraft nicht bewältigen können. Das wissen auch die haitianischen Behörden selbst. In dramatischen Appellen riefen Botschafter des Karibik-Staates die Weltgemeinschaft dazu auf, schnell und umfassend zu helfen. Der Botschafter Haitis in Deutschland, Jean Robert Saget, sagte: "Wir brauchen praktisch so gut wie alles im Moment." Benötigt würden Medikamente, Lebensmittel, Zelte und Decken.

Für Staaten und Hilfsorganisationen, die einen massiven Hilfseinsatz ins Rollen gebracht haben, beginnt nun der Wettlauf mit der Zeit."Es ist ein Rennen mit der Uhr", sagte die UN-Sprecherin Elisabeth Byrs in Genf. Die UN mobilisierte aus ihrem globalen Netzwerk 37 Suchmannschaften, die so schnell wie möglich nach Haiti reisen sollen. Nach Angaben von UN-Experten werden vor allem Bergungsteams gebraucht. Unter den Trümmern befänden sich noch Hunderte, vielleicht Tausende Menschen, von denen viele noch leben würden. "Die nächsten Prioritäten sind sauberes Wasser, Nahrung und Obdach. Das wird eine Großoperation."

Das Welternährungsprogramm (WFP) hat nach eigenen Angaben bereits Lebensmittel für etwa 30.000 Menschen auf den Weg gebracht. Damit die Hilfe die Bedürftigen auch erreiche, müssten jedoch so schnell wie möglich Straßen und Brücken wieder befahrbar gemacht werden. Zwar sei der Flughafen der Hauptstadt offen, doch seien die Zufahrtswege auch von Häfen blockiert, sagte das WFP.

Die Rot-Kreuz-Föderation in Genf, der die Rot-Kreuz- und Roter-Halbmond-Gesellschaften angehören, kam umgehend zu einer Krisensitzung zusammen. "Notvorräte sind in Haiti gelagert", sagte Sprecher Jean-Luc Martinage. Sie ermöglichten es, 3000 Familien drei bis vier Tage zu versorgen. "Aber wir müssen sehr schnell zusätzliches Hilfsmaterial aus unserem Regionalzentrum in Panama liefern", fügte Martinage hinzu. Er geht davon aus, dass bis zu drei Millionen Menschen Hilfe brauchen.

Auch die internationale Staatengemeinschaft mobilisierte schnelle Hilfe. Die Bundesregierung kündigte eine Soforthilfe von 1,5 Millionen Euro für die Notversorgung der Opfer an. Das Auswärtige Amt setzte einen Krisenstab ein, der auch klären soll, ob Deutsche von dem Beben betroffen sind. Vier Experten des Technischen Hilfswerks sind auf dem Weg nach Haiti. Die Hilfsorganisation Welthungerhilfe kündigte ihrerseits 100.000 Euro Nothilfe an, mit denen Trinkwasser, Lebensmittel und Zelte finanziert werden sollen.

Die EU-Kommission stellte drei Millionen Euro Soforthilfe bereit. Dies sei eine erste Entscheidung, der in den nächsten Tagen weitere folgen könnten, hieß es in Brüssel. Ein Experte der Behörde sei auf dem Weg nach Port-au-Prince, um sich ein Bild der Lage zu machen. Der Kommission zufolge haben auch Belgien, Luxemburg und Schweden Hilfe angeboten. Dabei soll es sich um Ausrüstung für Wasseraufbereitung, Zelte, medizinische Hilfe und ein Bergungsteam handeln. Spanien stellte drei Millionen Euro und 150 Tonnen Hilfsgüter zur Verfügung, Großbritannien schickte ein Flugzeug mit humanitären Helfern in die Karibik, Frankreich kündigte die Entsendung von zwei Maschinen mit Hilfsgütern und humanitären Helfern an.

Auch US-Präsident Barack Obama stellte Haiti umfassende Katastrophenhilfe in Aussicht. Binnen Stunden würden Such- und Bergungsteams aus den USA in Haiti eintreffen, kündigte er an. "Ich habe meine Regierung zu schnellen, koordinierten und kraftvollen Anstrengungen aufgerufen, um Menschenleben zu retten", sagte der Präsident. Sein Land, das nur wenige Hundert Kilometer von dem Inselstaat trennen würde, liefere neben Bergungshelfern auch lebenswichtige Güter wie Medikamente, Nahrungsmittel und Wasser.

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