"Das ständige Beleidigtsein ist unsere Schweinegrippe"

1995 lief der Ägypter Hamed Abdel-Samad vor seinem alten Leben davon und kam nach Deutschland. Als er aufbrach war er fromm, bildungshungrig und ein überzeugter Antisemit. Inzwischen ist er nicht nur zu einem engagierten Kritiker des Islam geworden, er hat ein großes Tabu gebrochen. Er hat über Missbrauch und Gewalt gesprochen.

Hamed Abdel-Samad wurde 1972 als drittes von fünf Kindern nahe Gizeh geboren. Er war der Sohn eines sunnitischen Imams und wurde als Vierjähriger von einem 15-Jährigen vergewaltigt. "Vor Angst gelähmt rezitierte ich damals aus dem Koran", sagt er. Mit elf sei er noch einmal – diesmal von fünf Jugendlichen – missbraucht worden. Da gebe es noch eine Szene aus seiner Kindheit, an die müsse er immer wieder denken: Seine Mutter kniete vor dem Vater, schützte nur ihr Gesicht und ließ sich von ihm schlagen und treten. Sie unterdrückte ihre Schreie, um nicht zu provozieren.

In Deutschland angekommen heiratete der damals 23-Jährige bald eine 18 Jahre ältere "rebellische linke Lehrerin". Nicht aus Liebe, "sie hatte die Lohnsteuerklasse drei und ich die Aufenthaltsgenehmigung vor Augen". Er begann mit einem Politikstudium in Augsburg. Er lernte etwas kennen, das ihm bisher fremd gewesen war und dessen Wirkung er unterschätzte: die Orientierungslosigkeit. Er war nicht vorbereitet auf die Freiheit, "manchmal habe ich junge Muslime vor Alkoholkonsum und Unzucht gewarnt und beides selbst noch am gleichen Tag praktiziert." Die Deutschen waren für ihn je nach Stimmung Rassisten oder Friedenstauben.

Seinen Ausbruch, den folgenden Zusammenbruch und sein insgesamt turbulentes Leben, bilanziert er in dem Buch Mein Abschied vom Himmel, welches dem 37-Jährigen nun ganz neue Wege eröffnen könnte.

Denn der Ägypter soll mit Henryk M. Broder, dem wohl streitlustigsten Publizisten Deutschlands, im Stil eines Roadmovies durch die Republik reisen. Entweder Broder – Die Deutschland-Safari soll voraussichtlich im November starten. Geplant sind zunächst einmal fünf Folgen, die sonntagabends ausgestrahlt werden sollen. Der ruhige Islamwissenschaftler und der polternde Kritiker, der frühere Antisemit gemeinsam mit dem Juden, dessen Eltern beide KZ-Überlebende sind, in einer Sendung, kann das gut gehen?

Ja, es kann. In Deutschland begann Hamed Abdel-Samad ein anderes Ich zu suchen. Der Mann lebte zerrissen zwischen bedingungslosem Lebenswillen und Resignation, zwischen der Liebe zu seiner Heimat und schäumender Wut auf jene, die diese mit Verderben tränken. In Kairo war er Mitglied der Marxisten, später der Muslimbrüder, einer in Ägypten verbotenen Vereinigung von Fundamentalisten.

Warum er da mitmischte? "Parolen wie 'Der Islam braucht Männer, die niemanden außer Allah fürchten', vermittelten mir das Gefühl, erwachsen geworden zu sein." In Augsburg schloss er sich religiösen muslimischen Studenten aus England an. "Ich brauchte eine Gemeinschaft, um Entwurzelung, Enttäuschung und Ratlosigkeit zu verdrängen." Aber das half ihm nicht weiter.

Er litt an Bandscheibenvorfällen und Magenblutungen, hatte Halluzinationen und musste schließlich in die Psychiatrie. Hier biss er in ein Glas, verschluckte die Scherben und wollte sich mit einem Kabel erhängen. Irgendwann habe er verstanden, dass, wenn er sich nicht bald von seinen Vorurteilen befreien würde, er seine Zukunft vergessen könne. Gesund werden im Rausch der Religion und in der Nähe zu radikalen Gruppen, das funktionierte nicht.

 

Langsam veränderte sich seine Haltung. Nach seiner Entlassung ging er nach Japan und lernte dort seine große Liebe und jetzige Ehefrau kennen: Connie, deren Mutter Japanerin und der Vater Däne ist. Er beendete sein Studium. Heute forscht der frühere Antisemit am Institut für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität in München und schreibt an seiner Dissertation zum Bild der Juden in ägyptischen Schulbüchern. Hamed Abdel-Samad schämt sich für den islamischen Judenhass, "ich glaube, wir sind den Juden vollkommen gleichgültig, wenn wir nicht gerade ihre Busse in die Luft jagen. Sie sind uns wichtig, weil sie uns mit unserer ewigen Scham konfrontieren, nicht vom Fleck zu kommen."

Doch dabei bleibt er nicht stehen. Es ist die Unantastbarkeit der Religion selbst, die er anprangert. Ob sein Buch ein Feldzug gegen den Islam sei? Nein, er wünscht sich einen aufgeklärten Islam, keine Religion, die jegliche Hinterfragung als Kriegserklärung betrachtet. "Wer Muslime ernst nimmt, muss Islamkritik üben und sie nicht wie Menschen mit Mobilitätsstörungen behandeln", sagt Hamed Abdel-Samad und schiebt hinterher: "Das ständige Beleidigtsein ist unsere Schweinegrippe, wir überlegen jeden Tag, wer und was uns wieder gekränkt hat."

Hat er sich nach all seiner Kritik vom Islam abgewendet? "Das muss ich nicht", antwortet er entschieden. Bis heute kann er den Koran auswendig, findet, es ist "ein tolles Buch". Aber er sieht die Inhalte des Koran heute differenzierter. Es gebe durchaus fragwürdige Stellen, vor allem was die Gleichberechtigung der Frauen anbelange. "Bitte sagen Sie jetzt nicht, dass die Suren Auslegungssache seien. Diese Tricks habe ich früher auch benutzt", sagt er ungefragt und lächelt. Wie er seinen Glauben beschreiben würde? "Ich bin ein Muslim, der vom Glauben zum Wissen konvertiert ist."