Langsam veränderte sich seine Haltung. Nach seiner Entlassung ging er nach Japan und lernte dort seine große Liebe und jetzige Ehefrau kennen: Connie, deren Mutter Japanerin und der Vater Däne ist. Er beendete sein Studium. Heute forscht der frühere Antisemit am Institut für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität in München und schreibt an seiner Dissertation zum Bild der Juden in ägyptischen Schulbüchern. Hamed Abdel-Samad schämt sich für den islamischen Judenhass, "ich glaube, wir sind den Juden vollkommen gleichgültig, wenn wir nicht gerade ihre Busse in die Luft jagen. Sie sind uns wichtig, weil sie uns mit unserer ewigen Scham konfrontieren, nicht vom Fleck zu kommen."

Doch dabei bleibt er nicht stehen. Es ist die Unantastbarkeit der Religion selbst, die er anprangert. Ob sein Buch ein Feldzug gegen den Islam sei? Nein, er wünscht sich einen aufgeklärten Islam, keine Religion, die jegliche Hinterfragung als Kriegserklärung betrachtet. "Wer Muslime ernst nimmt, muss Islamkritik üben und sie nicht wie Menschen mit Mobilitätsstörungen behandeln", sagt Hamed Abdel-Samad und schiebt hinterher: "Das ständige Beleidigtsein ist unsere Schweinegrippe, wir überlegen jeden Tag, wer und was uns wieder gekränkt hat."

Hat er sich nach all seiner Kritik vom Islam abgewendet? "Das muss ich nicht", antwortet er entschieden. Bis heute kann er den Koran auswendig, findet, es ist "ein tolles Buch". Aber er sieht die Inhalte des Koran heute differenzierter. Es gebe durchaus fragwürdige Stellen, vor allem was die Gleichberechtigung der Frauen anbelange. "Bitte sagen Sie jetzt nicht, dass die Suren Auslegungssache seien. Diese Tricks habe ich früher auch benutzt", sagt er ungefragt und lächelt. Wie er seinen Glauben beschreiben würde? "Ich bin ein Muslim, der vom Glauben zum Wissen konvertiert ist."