Zwei Bücher hat er schon geschrieben, doch bisher will sie kein Verleger drucken. An der Geschichte kann das nicht liegen: Sie erzählt von Mord, von einer brutalen Untergrundgruppe, von Geheimdiensten und einem Attentat, das Menschen auf der ganzen Welt in Aufregung versetzte. Sie erzählt von Schuld, Reue und Vergebung. Der bisher nicht gedruckte Autor heißt Mehmet Ali Agca. Er schoss im Mai 1981 auf Papst Johannes Paul II. und verletzte das Kirchenoberhaupt schwer. Am Montag wurde Ali Agca nun aus dem Hochsicherheitsgefängnis Sincan bei Ankara entlassen.

Dass seine Bücher nicht verlegt wurden, liegt an Agca selbst. In den langen Jahren in italienischer und später in türkischer Haft überraschte er die Welt immer wieder mit neuen Versionen seiner Tat. Gott habe ihm den Befehl zum Mord gegeben, dann waren es fremde Mächte. Bulgarische Agenten hätten ihn beauftragt, hieß es später. Auch hohe Würdenträger des Vatikans nannte Ali Agca zeitweilig als Auftraggeber. Nun soll der 52-Jährige seinen Anwälten berichtet haben, der sowjetische Geheimdienst stecke hinter der Tat.

Einen Großteil seines Lebens hat Mehmet Ali Agca schon hinter Gittern und Stacheldraht verbracht. Agca hatte 1979 den prominenten, liberalen türkischen Journalisten Abdi Ipekci getötet. Dafür kam er ins Gefängnis. Vorher wurde er bereits wegen mehrerer Banküberfälle gesucht. Er gehörte damals zu den Grauen Wölfen, einer nationalistischen türkischen Terrorgruppe.

Ende 1979 brach er aus dem Gefängnis aus. Ali Agca floh aus der Türkei nach Bulgarien und dann weiter nach Spanien. Im Frühjahr 1981 reiste er nach Italien. Am 13. Mai 1981 betrat der damals 23-Jährige mit einer Pistole bewaffnet den Petersplatz in Rom. Er lauerte dem Papst, der in dem damals noch offenen Papamobil fuhr, vor dessen Generalaudienz in einer Menschenmenge auf. Ali Agca zielte schnell, feuerte vier Kugeln ab, drei verletzten Johannes Paul II. Ein Projektil gelangte in den Dünndarm, eines traf den Papst am Arm, ein weiteres verfehlte die Wirbelsäule äußerst knapp. Der Pontifex brach zusammen.

Sicherheitskräfte überwältigten kurz darauf den Attentäter. "Ich bin allein", schrie Ali Agca dabei. Mehrere Notoperationen retteten den Papst. Seine Ärzte sprachen von einem Wunder. Bereits drei Tage nach der Tat verurteilten italienische Richter Ali Agca zu einer lebenslangen Haft.

Bis heute sind die Motive für den Anschlag rätselhaft. Ali Agca trug mit seinen wechselnden Aussagen zu zahlreichen Verschwörungstheorien bei. Schon im italienischen Gerichtssaal machte er 1981 wirre Aussagen. Er nannte sich selbst einen neuen Jesus Christus und erklärte sich zum Erlöser der Welt. Im Jahr 2000 wurde Agca in Italien begnadigt und an die Türkei ausgeliefert. Dort wurde er erneut verhaftet und eingesperrt, weil er die Strafe für den Journalisten-Mord noch nicht verbüßt hatte. Damals sagte Ali Agca, er wünsche sich, vergessen zu können und vergessen zu werden. Doch desto näher seine Entlassung rückte, umso mehr machte er mit vermeintlichen Enthüllungen auf sich aufmerksam. Seine kruden Aussagen dienen nur dazu, von dem wahren Auftraggeber abzulenken, warnt jedoch so mancher Experte.

Ein italienischer Untersuchungsausschuss kam 2006 zu dem Fazit, dass hinter dem Anschlag niemand geringeres als Leonid Breschnew, Vorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, stand. Er habe seine Geheimdienste mit der Liquidation des Pontifex beauftragt. Beteiligt an den Anschlagsplänen seien zudem der bulgarische Geheimdienst und die ostdeutsche Stasi gewesen. Unter Historikern ist diese Theorie umstritten. Ganz zu verwerfen ist sie dennoch nicht, schließlich unterstützte Johannes Paul II. die Opposition in den osteuropäischen Ländern des Warschauer Paktes und war vor allem in seiner Heimat Polen beliebt.

Johannes Paul II. besuchte seinen Attentäter zwei Jahre nach der Tat im italienischen Gefängnis. Der oberste Katholik vergab Agca. Das Kirchenoberhaupt und viele Gläubige sahen in dem gescheiterten Mord ein Wunder und verwiesen auf die Jungfrau von Fatima. Am 13. Mai 1917 soll die Jungfrau Maria im portugiesischen Ort Fatima einigen Hirtenkindern erschienen sein. Die Kinder sollen berichtet haben, dass die Maria über einen Anschlag auf den Papst sprach. Der katholische Volksglaube spricht vom "Dritten Geheimnis" von Fatima.

Und auch Ali Agca behauptete später, dass sein Anschlag das "dritte Wunder von Fatima" sei. Johannes Paul II. dankte der Gottesmutter dafür, die Kugeln so gelenkt zu haben, dass keine tödlich war. Der Papst setzte sich für Ali Agca ein und bewirkte 2000 die Begnadigung. Eine Auslieferung an die Türkei konnte er aber nicht verhindern.

Ali Agca wurde am 9. Januar 1958 in Yelzitepe in Anatolien geboren. Schon als Jungendlicher schloss er sich Rechtsextremisten an. Bereits im November 1979 drohte er öffentlich mit der Ermordung des Papstes.