In der Nacht hat es zu allem Überfluss geregnet. Der Boden ist an manchen Stellen noch nass, als von oben schon wieder die Sonne brennt. Ein Mann mit bandagiertem Bein hat sich ein Englischbuch aufs Gesicht gelegt, schirmt sich ab von der freundlichen Helligkeit, die nicht passt zu dem, was ihn umgibt.

Ein Zehnjähriger sitzt auf einer Bank. Er hat einen aufgeschnittenen blutenden Fuß und schaut entsetzt darauf, bis ihm jemand die Augen verdeckt, und er sein tränenüberströmtes Gesicht auf die Bank drückt. "Mama!", ruft er.

Ein paar Meter weiter liegt in einem kleinen Gitterbett eine Vierjährige mit Oberschenkelbruch. Damit sich der kleine Körper nicht verdreht, sind ihre beiden Beine hochgezogen – als Gegengewichte dienen gefüllte Wasserflaschen.

Das Mädchen hat ein Herz erobert. Das ihres Operateurs, das Herz von Bernd Domres, 70, emeritierter Professor aus Tübingen, der deutsche Katastrophenmediziner schlechthin. Ganz fantastisch halte sich die Kleine, sagt er. Domres ist anzutreffen überall, wo es furchtbar ist: in den siebziger und achtziger Jahren in Kambodscha, Nigeria, im Libanon, in Pakistan, 1988 war er in Armenien, in den Neunzigern in Iran, Kroatien, in Peru, Ruanda, Kongo. Er war als einer der Ersten nach dem Erdbeben im italienischen L’Aquila und saß zwei Tage nach dem Beben von Haiti im Auftrag von Humedica im Flugzeug Richtung Karibik. Den Job hier nennt er eine besondere Herausforderung, weil mit der Hauptstadt auch die Zentren jeglicher Verwaltung zerstört wurden. Es geht wenig in Haiti.

Eine Woche nach dem Beben säumen selbst die Hauptstraßen noch unzählige in sich zusammengesackte Häuser, durchsuchen die Menschen mit bloßen Händen die unwirklich weiß erscheinenden Trümmer. Offiziell ist die Suche nach Überlebenden inzwischen eingestellt worden. Die Überlebenschancen sind zu gering. Jetzt gilt es, die Leben der Verletzten zu retten.

Die Menschen in Haiti versuchen ihr Überleben zu sichern. Bilder aus dem Erdbebengebiet © Olivier Laban mattei/AFP/Getty Images

Doch auch das ist am Mittwoch noch einmal schwerer geworden. Am Morgen des 20. Januar beendete ein schweres Nachbeben die Hoffnung der Menschen, sie hätten das Schlimmste hinter sich. Auch die Ärzte und Helfer von Humedica, die in einer amerikanischen Schule übernachten, waren sofort hellwach und rannten raus. Sie blieben unverletzt, auf der Straßenseite gegenüber sahen sie ein Haus zusammenfallen, und als sie an ihrem Wirkungsort ankamen, dem kleinen Krankenhaus Hopital Espoir, Hospital der Hoffnung, wo 100 Schwerverletzte untergebracht sind, erschraken sie. Zwar sah der Altbau intakt aus, aber der Neubau hatte Risse, die Pfeiler wirkten instabil. Also liegen seit Mittwochvormittag 35 Patienten im engen Hof im Freien. Eine Frau versucht gerade, sich aufzurichten, sie liegt mit geschientem Bein auf einer Matratze in der Einfahrt, hinter ihr bauen Helfer ein Zelt auf, andere sind unter kleinen Markisen untergebracht. "Es ist gruselig, wirklich gruselig", sagt Humedica-Koordinatorin Simone Winneg.

Ab 18 Uhr kehrt Ruhe ein. Die UN haben die Empfehlung herausgegeben, im Dunklen nicht mehr auf den Straßen zu sein. Abends sitzen Bernd Domres und seine Kollegen dann zusammen vor der Schule, die ihr Quartier ist, drinnen summen Computer, die ihnen den Kontakt zum Rest der Welt ermöglichen.