Das Entsetzen in der Türkei ist noch immer groß. Kürzlich wurde dort ein grausiges Verbrechen bekannt, das sich schon im vergangenen Jahr ereignet hatte: In der südostanatolischen Stadt Adiyaman haben Familienmitglieder die 16-jährige Medine Memi lebendig im Garten begraben. Der Großvater und der Vater rechtfertigten die Tat damit, dass das Mädchen mit Jungen gesprochen haben soll. Eine andere Version lautet, dass Medine sich zuvor mehrfach bei der Polizei über ihre gewalttätigen Verwandten beschwert hatte. Sie soll dort auch erzählt haben, dass ihr Großvater in den Waffenschmuggel verstrickt sei.

Die Polizisten sollen das Mädchen jedoch jedes Mal nach Hause geschickt haben. Im Oktober verschwand sie spurlos. Nach einem anonymen Hinweis eines Nachbarn suchte die Polizei auf dem Grundstück der Familie und stieß auf den grausigen Fund. Das tote Mädchen war an den Händen gefesselt und saß aufrecht in einem zwei Meter tiefen Loch. Die Autopsie ergab: Medine hatte Erde in Lunge und Magen. Sie musste also noch gelebt haben, als Vater und Großvater Erde über sie schütteten und die Grube zubetonierten. Die Täter wurden verhaftet. Sie schweigen.

Seither beschäftigt die Geschichte von Medine Memi das türkische Parlament, Frauenorganisationen und die Gesellschaft. Wer ist verantwortlich? Hätte die Polizei das Mädchen schützen müssen? Und handelt es sich um einen "Ehrenmord" oder ein Verbrechen in der Familie? Die Kolumnistin Ayse Karabat kritisierte in der Zeitung Today’s Zaman, dass die Presse erst auf den Autopsiebericht reagierte. "Was mich am meisten beunruhigt ist der Gedanke, dass manche Morde vielleicht als normal oder noch schlimmer als Routine betrachtet werden", schrieb sie.

Oppositionsabgeordnete forderten das Innen- und Frauenministerium auf, sich zur Rolle der Polizei zu äußern. "Wird die mögliche Fahrlässigkeit der Sicherheitskräfte untersucht?", fragte Gaya Erbatur von der CHP. Eine Antwort hat sie noch nicht erhalten.

Dabei hat sich die Lage für Frauen zumindest in den Gesetzestexten in den vergangenen zehn Jahren erheblich verbessert. Die Verfassung und das bürgerliche Gesetzbuch verankerten die Gleichstellung von Mann und Frau und gleiche Rechte für Ehegatten. Das Gesetz über den Schutz der Familie lässt inzwischen zu, dass sich von Gewalt betroffene Frauen direkt an den Staatsanwalt wenden können. Und das Strafgesetzbuch stellt seit April 2005 sexuelle Übergriffe als "Verbrechen gegen Einzelpersonen" und nicht mehr wie zuvor als "Verbrechen gegen Familie, Gesellschaft oder Tradition" unter Strafe. Der zuvor verbriefte Strafnachlass für "Ehrenmorde" existiert nicht mehr und auch die Regelung, dass ein Vergewaltiger nicht mehr bestraft wird, wenn er sein Opfer heiratet, wurde gekippt.

Trotzdem ist Gewalt in der Familie in der Türkei allgegenwärtig wie nicht nur das Schicksal von Medine zeigt. Nil Mutluer von der Frauenorganisation Amargi sagt: "Unser Ziel ist es, mehr Aufmerksamkeit für häusliche Gewalt in der Gesellschaft zu schaffen." Sie warnt jedoch vor einer zu schnellen Verallgemeinerung des Falles. Gewalt in der Familie gebe es überall, auch in Istanbul. Es habe also nichts mit der Religion oder der Rückständigkeit des Ostens zu tun.