Auf einmal steht er im Rampenlicht der Öffentlichkeit: Nikolaus Schneider, der als Stellvertreter der mediengewandten Margot Käßmann von einer breiteren Öffentlichkeit bisher kaum beachtet worden war. Doch weil die bisherige Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche (EKD) am Mittwoch überraschend die Konsequenz daraus zog, dass sie stark alkoholisiert am Steuer ihres Wagens erwischt worden war, und zurücktrat, übernimmt Schneider nun für mindestens ein knappes Jahr die Leitung des höchsten Gremiums der evangelischen Christen in Deutschland.

Weil Käßmann zwar streitbar, aber auch sehr populär war, steht ihr Nachfolger unter hohem Erwartungsdruck. Zumindest in einer Hinsicht will er es ihr offenbar nachtun. "Ich habe auch ein hohes sozialpolitisches Interesse", kündigte Schneider am Mittwochabend in der ARD an. Fragen der sozialen Gerechtigkeit seien für ihn "auch schon immer ganz wichtig" gewesen. "Diese Form von politischer Sensibilität und dem Eintreten für diejenigen, die ihre Stimme nicht erheben können, diese Art wird auch für mich verbindlich bleiben."

Er hätte gerne die Arbeit mit Käßmann fortgesetzt, betonte Schneider. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hatte nach einer Telefonkonferenz am Dienstagabend Käßmann einmütig das Vertrauen ausgesprochen. Dennoch erklärte die 51-Jährige am Mittwoch ihren Rücktritt, weil sie betrunken am Steuer ihres Wagens erwischt worden war.

Schneider übernimmt bis zur Neuwahl kommissarisch den Vorsitz des Rates. Die Wahl wird voraussichtlich Anfang November bei der nächsten Tagung der Synode in Hannover stattfinden. Danach müsse wieder ein profilierter Theologe an der Spitze der EKD stehen, sagte Schneider am Donnerstagmorgen im WDR. Zu seinen eigenen Ambitionen äußerte er sich nicht direkt. Wenn er gefragt würde, werde er sich damit auseinandersetzen, sagte er lediglich.
 

Auch am Tag nach dem Rücktritt der bisherigen Ratsvorsitzenden, die erst im Oktober gewählt worden war und die erste Frau in dieser Funktion war, überwogen bei führenden Kirchenmitgliedern Betroffenheit und Bedauern. Die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Katrin Göring-Eckardt, sagte im Deutschlandradio Kultur, sie hätte sich eine weitere Zusammenarbeit mit Käßmann gewünscht. "Ich respektiere diese Entscheidung, auch wenn sie mich traurig macht", betonte Göring-Eckardt. Besonders viele Frauen bedauerten den Rücktritt. Dennoch könne sie den Schritt Käßmanns verstehen, sagte die Grünen-Politikerin.

Die Kirchenbeauftragte der Unions-Bundestagsfraktion, Maria Flachsbarth, sagte im Deutschlandfunk dagegen, eine weitere Amtsausübung Käßmanns wäre "sehr schwierig gewesen, denn sie wäre immer wieder mit ihrem Fehlverhalten konfrontiert worden". Der Kirchenbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, Siegmund Ehrmann, sagte im RBB-Inforadio, Käßmann habe eine konsequente Haltung gezeigt. Sie selbst habe einen großen Vertrauensverlust eingeräumt. Er selbst bedauere den Rücktritt allerdings sehr. 

Käßmann hatte am Mittwoch nicht nur ihr Amt als EKD-Ratsvorsitzende, sondern auch ihr Bischofsamt niedergelegt. Als Pfarrerin will sie aber tätig bleiben.