Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat sich in der Nacht zum Mittwoch über die Folgen der Alkoholfahrt der höchsten evangelischen Kirchenrepräsentantin Margot Käßmann beraten. Die Bischöfin von Hannover war mit ihrem Dienstwagen am Samstagabend gegen 23.00 Uhr nach dem Überfahren einer roten Ampel mit 1,54 Promille Alkohol im Blut gestoppt worden, teilten EKD und Staatsanwaltschaft mit. Die Fahrt sei ein schlimmer Fehler, den sie zutiefst bedauere, erklärte Käßmann. Ob die Bischöfin dienstlich oder privat unterwegs war, ist noch nicht bekannt. "Ich bin über mich selbst erschrocken, dass ich einen so schlimmen Fehler gemacht habe", ließ Käßmann über die EKD mitteilen. "Mir ist bewusst, wie gefährlich und unverantwortlich Alkohol am Steuer ist. Den rechtlichen Konsequenzen werde ich mich selbstverständlich stellen."

Über die Konsequenzen der Trunkenheitsfahrt müssen die EKD und die hannoversche Landeskirche beraten. Die dringliche Aussprache des EKD-Rates wurde trotz einer regulären Sitzung am Freitag anberaumt. Für wie schwerwiegend und belastend die Gremien den Vorfall halten, war zunächst nicht bekannt. Bleibt Käßmann in ihren kirchlichen Ämtern, droht ihr als kircheninterne Strafe lediglich eine Rüge, so ein Kirchensprecher. Im Strafverfahren muss die Bischöfin sich auf einen einjährigen Führerscheinentzug und eine Geldstrafe von einem Monatsgehalt einstellen. Der Prozess um die Alkoholfahrt kann bei Ersttätern schriftlich abgewickelt werden - die Bischöfin müsste in dem Fall nicht vor Gericht erscheinen.

Der Vorsitzende der konservativen protestantischen Konferenz Bekennender Gemeinschaften, Ulrich Rüß, legte Käßmann den Rücktritt nahe. Es sei jetzt nicht angebracht, von außen einen Rücktritt zu fordern, sagte Rüß der Leipziger Volkszeitung. Käßmann sei "sensibel genug", die entsprechenden Konsequenzen selbst zu ziehen. "Margot Käßmann ist als Bischöfin und Ratsvorsitzende in einer besonders schweren Situation. Gerade in ihrer Funktion ist Vorbildfunktion gefragt."

Bayerns Ex-Ministerpräsident und Vizevorsitzender der EKD-Synode, Günther Beckstein (CSU), wies Rücktrittsforderungen unterdessen zurück. "Bischöfin Käßmann hat sicher einen Fehler begangen, sie hätte einen Chauffeur oder ein Taxi nehmen sollen", sagte Beckstein den Nürnberger Nachrichten. Aber dieser Fehler werde nicht dazu führen, dass sie von ihrem Amt als EKD-Chefin zurücktreten müsse. "Auch eine Bischöfin ist keine Heilige, sondern nur ein Mensch, der fehlbar ist."

Braunschweigs evangelischer Bischof Friedrich Weber warnte gleichermaßen vor Häme wie vor Schönfärberei: Die Lage sei sowohl für die hannoversche Landeskirche als auch für die EKD schwierig, sagte der Bischof der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Aber für die Bischöfin Käßmann sollten die gleichen Maßstäbe gelten wie für jeden anderen auch: Was jetzt Not tue, seien Fairness der Öffentlichkeit und Offenheit in der Sache. "Wir Protestanten haben gelernt, zwischen der Person und der Tat zu unterscheiden."

Der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer nahm Käßmann unterdessen gegen aufkommende Kritik in Schutz. "Das ist ein Blackout, der leider immer wieder Leuten passiert, die in öffentlichen Ämtern unter Dauerstress stehen", sagte Schorlemmer der Leipziger Volkszeitung. Die öffentliche Dauerbeobachtung verzeihe keine privaten Fehler. "Auch Margot Käßmann steht in ihrem Amt unter einer enormen Spannung. Und Alkohol löst nun mal Spannungen und baut Stress ab", sagte Schorlemmer. Er erwartet nun, dass Käßmann mit einigem Gegenwind ihrer Kritiker klarkommen muss. "Die Häme, die es jetzt geben wird, ist schlimmer als der Strafbefehl."

Käßmann war Ende Oktober als erste Frau an die Spitze der EKD gewählt worden. Sie löste in dem kirchlichen Spitzenamt den Berliner Bischof Wolfgang Huber ab, der aus Altersgründen ausschied. Käßmanns bisherige Amtszeit war bestimmt von der Kontroverse um ihre Kritik am Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr.