Der Skandal um den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche weitet sich aus. Mindestens sieben weitere katholische Einrichtungen sind Medienberichten zufolge mit neuen Vorwürfen konfrontiert.

Wie der Spiegel berichtet, soll es auch in zwei ehemaligen Heimen der Salesianer Don Boscos in Augsburg und in Berlin zu Kindesmissbrauch durch katholische Geistliche gekommen sei. Ebenfalls betroffen seien ein ehemaliges Kinderheim der Vinzentinerinnen im oberschwäbischen Oggelsbeuren sowie das Maristen-Internat im bayerischen Mindelheim und das frühere Franziskaner-Internat in Großkrotzenburg bei Hanau. Massive Missbrauchsvorwürfe gebe es auch gegen frühere Mitarbeiter des Franz-Sales-Hauses in Essen, einer renommierten Behinderten-Einrichtung. Die Frankfurter Rundschau berichtete von einem weiteren Fall im Bonner Internat Sankt Ludwig Kolleg des katholischen Ordens der Franziskaner-Minoriten in den 70er Jahren. Der betroffene Pater sei 1976 nach Würzburg versetzt worden und arbeite immer noch mit Jugendlichen.

Unterdessen forderte Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) die Bischhöfe zum Handeln auf. Im Nachrichtenmagazin Spiegel sagte sie: "Ich erwarte von der katholischen Kirche konkrete Festlegungen, welche Maßnahmen für eine lückenlose Aufklärung ergriffen werden." Sie schlug zudem Ombudsleute und einen Runden Tisch vor, an dem Vertreter der Opfer sowie aus Politik und Kirchen sitzen sollten. Ein solches Gremium sei "ein guter Weg, um die zahlreichen Missbrauchsfälle aufzuklären und der katholischen Kirche Gelegenheit zu bieten, mit den Opfern über freiwillige Entschädigungen ins Gespräch zu kommen", sagte Leutheusser-Schnarrenberger.

Der Missbrauchskandal hatte Ende Januar seinen Ausgang vom Berliner Canisius-Kolleg genommen. Seitdem meldeten sich rund 120 Opfer an Schulen im ganzen Bundesgebiet, wie die Missbrauchsbeauftragte des Jesuitenordens, Ursula Raue, am Donnerstag bei der Vorstellung ihres Zwischenberichts mitteilte.

Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen bezeichnete den Missbrauchsskandal als "Strukturproblem" der Kirche. Der 71-Jährige räumte in der Frankfurter Rundschau "in unseren Reihen sexuellen Missbrauch in einem erschreckenden Maße" ein. Die Kirche könne jetzt mit aktiver Aufklärung eine Vorreiterrolle einnehmen. Das liege im "eigenen Interesse, denn eine Kirche mit morschem Gebälk hat keinen Bestand", sagte Thissen.

Der Jesuitenorden beantragte nach Informationen des Magazins Focus derweil in den USA Insolvenz, um einer möglichen Sammelklage von Missbrauchsopfern auf finanzielle Entschädigung vorzubeugen. Der Berliner Rechtsanwalt Lukas Kawka hatte in den vergangenen Tagen geprüft, ob unter den ehemaligen Schülern, die am Canisius-Kolleg in Berlin und an anderen katholischen Schulen sexuell missbraucht wurden, auch amerikanische Staatsbürger sind. "Dies hätte eventuell eine Klage in den USA ermöglicht, wo wesentlich höhere Schmerzensgelder zugesprochen werden", sagte Kawka dem Magazin.