Für seinen großen Tag hat Dirk Uden einen grauen Anzug und weißes Hemd gewählt. Das ist schlicht und lenkt die Beobachter nicht ab von der Sache, um die es hier eigentlich geht, nämlich das erste Plädoyer der Verteidigung im Sauerland-Prozess. In der Wartehalle des steril gefliesten Hochsicherheitstrakts des Düsseldorfer Oberlandesgerichts entspannt sich der Karlsruher Strafverteidiger bei einem Plausch mit seiner Familie. Dennoch wirkt er ein wenig nervös vor seinem Vortrag, in dem er zu rechtfertigen versuchen wird, warum sein Mandant Fritz Gelowicz im Namen des Islam mit Terroranschlägen Hunderte Menschen töten wollte.

Die Bundesanwaltschaft hatte in ihrem zweitägigen Plädoyer vergangene Woche zwölfeinhalb Jahre für Gelowicz verlangt. Die Vorwürfe wiegen freilich schwer. Die Sauerland-Gruppe habe sich verabredet, getrieben von "Feindseligkeit und Hass auf Amerika", im Auftrag der Islamischen Dschihad Union (IJU) heimtückisch und mit gemeingefährlichen Mitteln Mord an einer Vielzahl von Menschen zu begehen. Allein die umfassenden Geständnisse rechtfertigten ein solch niedriges Strafmaß, erklärte Chefankläger Volker Brinkmann.

Uden und sein Kollege Hannes Linke sind bemüht, diese Einschätzung der Anklage zurechtzurücken. Sie wollen erreichen, dass der Senat den Geständnissen eine höhere Wertschätzung einräumt und verlangen schließlich ein Strafmaß, das unter zehn Jahren liegt. Und da der Vorsitzende Ottmar Breidling nach diversen Terrorprozessen unter Verteidigern durchaus gefürchtet wird, verwundert es kaum, dass beide zu Beginn ihrer Plädoyers nicht an Lob für die Prozessführung sparen. Gerade Breidlings konsequente, gleichwohl strenge, aber auch "faire" Behandlung sei eine wichtige Erfahrung für Gelowicz gewesen, die seine Entscheidung begünstigt hätten, detaillierte Aussagen zu Hintergründen und Tatgeschehen zu machen.

Dennoch sei es nun am Gericht, dieses Geständnis auch entsprechend zu würdigen. Schließlich seien es die Aussagen Gelowiczs gewesen, die dem Prozess einen erträglichen zeitlichen Rahmen gegeben hätten. Zudem sei es als "überragend" anzusehen, welchen Einblick Gelowicz nicht allein in seine eigene Terror-Karriere, sondern auch in die Strukturen der IJU gegeben habe. Informationen, betonen Uden und Linke, die auch den Prozess gegen Mitglieder der IJU in Frankfurt zu einem schnellen Abschluss geführt hätten.

Ob sie damit den Nerv des Senats treffen, bleibt abzuwarten. Vor allem Udens ausschließlich vom Blatt abgelesener Vortrag wirkt hölzern, es mangelt bisweilen an Leidenschaft und eigener Argumentation. Sein einstündiges Plädoyer gerät zu einer wissenschaftlichen Hausarbeit über Zorn und Gerechtigkeit und selbst Bundesanwalt Brinkmann kann es sich in seiner abschließenden Erwiderung nicht verkneifen, Udens wenig mitreißende Darbietung mit reichlich Spott zu bedenken.

In der Tat muss sich der Zuhörer bemühen, bei all den zitierten Quellen nicht den Überblick zu verlieren. Ein zorniger Mann sei Gelowicz gewesen, sagt Uden. Und Zorn sei ein wichtiger Antrieb menschlichen Handelns auf der Suche nach Würde, Respekt und Gerechtigkeit, zitiert der Anwalt aus einem Vortrag des Islam-Experten Volker Pertes, der sich dabei seinerseits auf ein Elaborat Peter Sloterdijks bezieht.

Daraus leitet der Strafverteidiger schließlich auch den Grund dafür ab, warum sein Mandant aus einem "Ulmer Gartenzaunidyll in den Dschihad" gezogen sei. Die Bilder aus den Gefängnissen Abu Ghraib und Guantanamo, das Verhalten der Amerikaner im Irak, die Entführung Khaled El-Masris durch die CIA, Gelowicz hatte El-Masri im Multikulturhaus in Ulm kennen und schätzen gelernt, – all das habe das Gerechtigkeitsempfinden zerstört und den Zorn des jungen Konvertiten entfacht.