Der Ausnahmezustand betrifft die von dem Erdbeben besonders stark betroffenen Regionen Maule und Bíobío. Er soll zunächst für 30 Tage gelten, die öffentliche Ordnung garantieren und schnellere Hilfslieferungen ermöglichen, sagte Verteidigungsminister Fancisco Vidal. Zusätzlich entsandte die Regierung 10.000 Soldaten. Über die 400.000-Einwohner-Stadt Concepción wurde eine Ausgangssperre verhängt.

Nachdem es dort zuvor Plünderungen gegeben hatte, leerten sich ab dem Abend die Straßen. Nur wenige Menschen wagten sich aus den Häusern. Bei der Verteilung von kostenlosen Lebensmitteln entstanden aber Rangeleien, die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein. Andernorts kampierten viele Chilenen aus Angst vor Nachbeben im Freien. Die Menschen übernachteten in Zelten oder provisorischen Behausungen aus Pappkartons und Betttüchern zwischen Trümmern, zerstörten Autos und umgeknickten Strommasten.

Helfer suchen intensiv nach Verschütteten. Aus den Trümmern eines eingestürzten Hochhauses in Concepción konnten die Rettungskräfte zunächst nur acht Leichen bergen. "Es gibt aber noch 48 eingeschlossene Personen, die offensichtlich noch leben", sagte ein Sprecher. Das 14-stöckige Hochhaus war bei dem schweren Erdbeben zusammengestürzt, die Trümmer begruben viele Bewohner.

Das Erdbeben hatte Chile in der Nacht zum Samstag erschüttert. Mit einer Stärke von 8,8 ist es weltweit eines der schwersten seit einem Jahrhundert. Das Epizentrum lag etwa 325 Kilometer südwestlich von Santiago im Pazifik. Immer gibt es Nachbeben. Ein besonders starkes ereignete sich am Montagmorgen und hatte nach Angaben der US-Erdbebenwarte die Stärke 6,2.

Präsidentin Michelle Bachelet bezeichnete das Beben als "eines der fünf stärksten" in der Geschichte des Landes. Etwa zwei Millionen Menschen seien betroffen. Schätzungsweise eine halbe Million Häuser sind beschädigt, Hunderte Straßen und Brücken zerstört. Dies stellt die künftige Regierung unter dem gewählten Präsidenten Sebastian Pinera gleich zu Anfang der in zwei Wochen beginnenden Amtszeit vor eine enorme Herausforderung.

Die Zahl der erfassten Todesopfer stieg auf 711. "Es wird aber weiter nach einer unbekannten Zahl von Vermissten gesucht", sagte die Leiterin des Zentrums für Katastrophenschutz, Carmen Fernández. Über deutsche Opfer lagen dem Auswärtigen Amt in Berlin keine Informationen vor.

Dem Beben folgte eine Flutwelle, die in chilenischen Küstenstädten für weiteren Schrecken sorgte. "Es bebte und dann kam das Meer in unser Haus, es reichte uns bis zum Hals", schilderte eine Einwohnerin von Iloca im Süden des Landes. In der Stadt Talcahuano bot sich wie in vielen anderen Küstenorten ein Bild des Schreckens: Während selbst größere Schiffe bis ins Stadtzentrum geschwemmt wurden, dümpelten Reste von Holzhäusern im Meer. Der Verteidigungsminister räumte inzwischen ein, die Regierung habe einen Fehler begangen, in dem sie nach dem schweren Beben nicht die Gefahr eines Tsunamis in Betracht gezogen habe.

Erstmals bat Präsidentin Bachelet auch das Ausland um Hilfe. Chile benötige Unterstützung für Krankenhäuser, Behelfsbrücken, Kommunikationseinrichtungen, Rettungsexperten, Statiker und Wasserentsalzungsanlagen. "Die UN, insbesondere der Nothilfekoordinator, stehen bereit", sagte Generalsekretär Ban Ki Moon. Aus Deutschland waren bereits Helfer nach Chile unterwegs. Um Hilfsmöglichkeiten zu erkunden, hat das Technische Hilfswerk ein vierköpfiges Team entsandt. Die zwei Ingenieure, ein Arzt und ein Koordinierungsexperte würden am Montag in Chile erwartet, sagte THW-Sprecher Oliver Hochedez. Dort würden sie die deutsche Botschaft unterstützen.

Die USA, die EU sowie mehrere andere Länder und internationale Organisationen wie die Weltbank und der Internationale Währungsfonds sagten Unterstützung zu und bereiteten sich auf einen umfangreichen Hilfseinsatz vor. Die EU gab drei Millionen Euro an Soforthilfen frei.

Auf dem schwer beschädigten Flughafen von Santiago de Chile waren am Sonntag einige wenige Flugzeuge mit Ausnahmegenehmigungen gelandet. Offiziell wieder öffnen werde der Flughafen wohl nicht vor Dienstag, sagte ein Sprecher des Airports.