Irlands Kirchenführer sehen im Hirtenbrief des Papstes zum Missbrauchsskandal einen Neuanfang – viele der Opfer halten ihn aber für unvollständig. Statt nur die Vergangenheit zu verurteilen, hätte Papst Benedikt XVI. mehr auf Konsequenzen und die Zukunft eingehen müssen, war von irischen Opferverbänden zu hören. Der Papst hätte konkreter sagen sollen, wie es nun weitergeht, forderte etwa die ehemalige Lehrerin Michelle Marken in der BBC. Statt den Besuch von hohen Vatikan-Vertretern anzukündigen, müsse er selber nach Irland kommen und die Aufdeckung der Straftaten vorantreiben.

Obwohl sich der Papst nicht zu den Fällen von Missbrauch und Misshandlung Schutzbefohlener durch Kirchenvertreter in seiner Heimat äußerte, versteht der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, das Papier dennoch als klare Weisung auch für Deutschland. Was der Papst den Katholiken in Irland sage, "hat Geltung für die ganze Kirche und ist eindeutig eine Botschaft auch an uns in Deutschland", sagte er.

Auch der Sonderbeauftragte der deutschen katholische Kirche zur Aufklärung der sexuellen Missbrauchsfälle, Bischof Stephan Ackermann, begrüßte das Papst-Schreiben. "Ich empfinde diesen Brief als Verstärkung für unseren Weg", sagte der Bischof in Trier. "Die Entschiedenheit, mit der der Papst die Vorgänge und die Untaten beim Namen nennt und auch Aufklärung erwartet – das ist doch sehr deutlich und das werden wir uns auch entsprechend zu Herzen nehmen." Es seien "genug Hinweise" auch für die deutsche katholische Kirche enthalten. Er glaube nicht, dass sich der Papst noch einmal gesondert an die deutschen Katholiken wenden werde.

 Die Reformbewegung Wir sind Kirche zeigte sich enttäuscht. Es sei sehr schade, dass der Papst zu den Missbrauchsfällen in Deutschland schwieg, sagte Christian Weisner, Sprecher der Initiative. Schon ein "Wort des Mitgefühls an die Opfer" hätte ihm Sympathien eingebracht. Der Brief vermittle aber den Eindruck, es gehe dem Papst hauptsächlich um das Ansehen der Kirche.