Seit diesem Winter sind Deutschlands Autofahrer gespalten wie lange nicht mehr: Einerseits in die, die sich um Schlaglöcher lavieren, in denen das Rad ihres Kleinwagens fast zur Hälfte versacken würde. Andererseits in jene, die in gepflegteren, weil von Politikern und Wirtschaftsbossen bewohnten Gegenden, leben, die aber nun ihre SUVs aus der Garage rollen, um auf den blatternarbigen Straßen anderer Viertel endlich die Güte der savannentauglichen Einzelradaufhängung und den Federweg der himalayageeigneten Extremstoßdämpfer zu testen. Letztere kehren nach einer solchen Safari wie noch nie zuvor schweißgebadet und überglücklich heim.

Das gemeine Schlagloch (lacuna horribilis) ist zwangsläufig, denn unsere Straßenbeläge sind nichts weiter als Provisorien: Im Asphalt bilden sich Risse, die gefrierendes Wasser auseinandersprengt. Streusalz verstärkt all das noch. Angesichts dessen, dass für die Reparatur von Schlaglöchern meist dieselben Behörden zuständig sind wie für den Winterdienst erscheinen die Berichte über den Streusalzmangel der letzten Monate schnell in anderem Licht.

Jedenfalls bedürfen ein bis zwei Drittel aller Straßen einer Sanierung, nicht erst seit diesem Winter, sondern überhaupt. Und natürlich, der Leidtragende ist der kleine Mann. Oder die kleine Frau, wie jene Rentnerin, die sich in einem jäh auftauchenden Berlin-Charlottenburger Schlagloch den Knöchel brach. Oder jener Polizist, der, ebenfalls in Berlin, mit dem Fahrrad in ein Schlagloch geriet – tot.

Zwar überlegen geschätzte 77 Prozent der deutschen Normal-Pkw-Fahrer längst, als nächstes Auto ein geländetaugliches, spritfressendes, CO2-speiendes zu kaufen, ganz egal, was diese Umweltschützer sagen. Und Aktionsfotografen nutzen besonders prächtige Schlaglöcher in deutschen Innenstädten bereits als günstige Locations für aufwendige Foto-Installationen: Kopfsprung in den Pool, Geburt der Venus, Untergang der Titanic. Doch die meisten Löcher bei uns sind noch nicht tief genug, um nachhaltig von ihnen zu profitieren.

Anders als pakistanische Sicherheitskräfte, denen so ein Selbstmordattentat erspart blieb: Die Bombe im Rucksack detonierte verfrüht, als der radelnde Fanatiker in ein unerwartet tiefes Fahrbahn-Loch knallte. Verständlich, dass Teile der pakistanischen Behörden daraufhin erwogen, sämtliche Straßenerhaltungsmaßnahmen endgültig einzustellen.

Mark Spörrle ist ZEIT-Redakteur und schreibt satirische Geschichten über den <a href="http://www.zeit.de/themen/serie/index?q=irrwitz-der-woche" target="_blank">irrwitzigen Alltag und irrwitzige Nachrichten</a>; <a href="http://www.zeit.de/themen/serie/index?q=irrwitz-der-woche">lesen Sie hier weitere Folgen seiner Kolumne</a>. © Mark Spörrle

Der Ort Niederzimmern in Thüringen indes tut etwas gegen Schlaglöcher. Unter dem knackigen Motto "Teer muss her" kann, wer will, einen Betrag von 50 Euro stiften. Von diesem Geld wird eins der zahlreichen Löcher in den Straßen der Gemeinde geschlossen. Und in den Boden lässt man eine Plakette ein, deren Aufschrift der Spender bestimmen kann.
Das ist so genial wie gefährlich. Genial, weil es Ähnliches bislang erst in den USA gibt. Dort bot die Fast-Food-Kette Kentucky Fried Chicken klammen Gemeinden an, die Schlaglöcher in den Straßen auf eigene Kosten auszubessern – natürlich nicht, ohne werbewirksam ihr Kürzel auf jedes zugeteerte Loch zu setzen. Woraufhin die Tierschutzorganisation PETA die doppelte Summe für jedes Loch bot, das man nicht den Hühnerbratern überließe. Zwar wollte PETA die Bauarbeiter obendrein mit einem vegetarischen Buffet beglücken, dennoch war die Sache ein Fest für jeden Stadtkämmerer.

Sollten die pfiffigen Niederzimmerner es schaffen, einen ähnlichen Konkurrenzkampf beispielsweise zwischen Shell und Greenpeace oder Seehofer und Westerwelle anzuzetteln, würden vermutlich selbst die zerfurchten Niederzimmerner Straßen die Nachfrage an Schlaglöchern nicht befriedigen können – die Stadtväter müssten Nachbarorte zwangseingemeinden oder im Schutze der Dunkelheit Stoßtrupps losschicken, um die Zahl der Schlaglöcher zu erhöhen. Ja, unter Umständen könnte man, bei Interesse weiterer schlaglocherfahrener Player wie etwa der Deutschen Bahn und der Post, sogar Schlagloch-Aktien und –Zertifikate an die Börse bringen. Vermutlich liegen entsprechende Pläne längst in hochgeheimen Niederzimmerner Hinterzimmern.