Die katholischen bayerischen Bischöfe wollen künftig bei der Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs eng mit der Justiz kooperieren und alle Verdachtsfälle der Staatsanwaltschaft melden. Dies sei von den Bischöfen einstimmig beschlossen worden, sagte der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, zum Abschluss einer Vollversammlung der bayerischen Bischöfe im oberfränkischen Wallfahrtsort Vierzehnheiligen.

Die bayerischen Bischöfe empfehlen zudem, dass eine solche Meldepflicht in die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz aufgenommen wird. Die katholischen Bischöfe in Deutschland hatten bei ihrer Vollversammlung in Freiburg Ende Februar bereits beschlossen, die Leitlinien bis zum August zu überarbeiten.

Nach den bisherigen Bestimmungen der Bischofskonferenz zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger kann die Kirche auf eine Anzeige verzichten, wenn die Opfer das nicht wollen. Diese Einschränkung soll nach dem Willen der bayerischen Bischöfe also aufgehoben werden.

Stattdessen soll die Meldepflicht bereits bei bloßem Verdacht auf sexuellen Missbrauch oder körperlicher Misshandlung greifen, erläuterte Marx. Es müsse jedem Verdacht nachgegangen und jede Verfehlung aufgeklärt werden. "Verdacht ist ein juristischer Begriff, und da ist die Staatsanwaltschaft zuständig."

Bei sexuellem Missbrauch gebe es von staatlicher Seite allerdings keine Anzeigepflicht, gab Marx zu bedenken. Man müsse die Opfer deshalb ermutigen, mit der Staatsanwaltschaft in Kontakt zu treten. Auch bereits verjährte Fälle werde man jetzt zur nochmaligen Überprüfung den staatlichen Ermittlern übergeben.

Oberste Priorität habe die Suche nach der Wahrheit und eine offene Atmosphäre, die die Opfer ermutige, "das auszusprechen, was ihnen angetan wurde". Den Opfern solle "Gerechtigkeit widerfahren", Täter müssten zur Verantwortung gezogen werden. "Die Opfer benötigen Hilfe zur Heilung der seelischen Wunden", sagte Marx. Die Bischöfe wollten den einzelnen Opfern dabei über die gesetzliche Pflicht hinaus Hilfe gewähren.

In den kommenden Wochen werde auch über Formen von finanziellen Entschädigungen für die Opfer zu reden sein, kündigte der Erzbischof an. "Ich will nicht ausschließen, dass es auch Hilfen in finanzieller Form geben kann", sagte Marx in Anspielung auf die Einrichtung eines Entschädigungsfonds.

Marx verteidigte zugleich den wegen seines bisherigen Schweigens zu den Missbrauchsskandalen in Deutschland in die Kritik geratenen Papst Benedikt XVI. "In all ihren Bestrebungen im Kampf gegen Missbrauch wissen sich die bayerischen Bischöfe durch den Heiligen Vater bestärkt", hob der Erzbischof hervor. "Benedikt XVI. weist seit Jahren unermüdlich darauf hin, dass es gegenüber dem sexuellen Missbrauch keine Toleranz geben darf."