Frage: Sie sind seit einem guten Monat der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz. Haben Sie mit Opfern gesprochen?

Stephan Ackermann: Die meisten haben sich per Brief oder Mail an mich gewandt, am Anfang waren das bis zu 20 am Tag. Es ist erschütternd, was die Leute schildern. Erschütternd auch, wie sehr sie heute immer noch unter den Traumata leiden, obwohl die meisten 50, 60 Jahre alt sind und teilweise schon Therapien hinter sich haben. Manche schildern die Vorfälle so, als seien sie gerade eben passiert. Das Perfideste ist ja, dass die Täter es verstanden haben, eine heimliche Komplizenschaft mit den Kindern aufzubauen. Sodass sich die Opfer mitschuldig fühlen. Das kann ich alles auch nur dosiert lesen.

Frage: Was muss sich bei den Leitlinien ändern?

Ackermann: Wenn es einen Missbrauchsfall gibt, muss ein forensisches Gutachten über den Täter erstellt werden, egal, ob der Fall verjährt ist oder nicht. Das müssen wir unbedingt in die Leitlinien der Bischofskonferenz aufnehmen.

Frage: Was ist mit der Anzeigepflicht?

Ackermann: Das werden wir diskutieren müssen. Die bayerischen Bischöfe sind vorangegangen; sie wollen Fälle sofort anzeigen, wenn ein berechtigter Verdacht auftaucht. Ich rate aber zur Vorsicht. Psychologen sagen, dass das heikel ist. Es könnte Opfer abschrecken, wenn sie wissen, dass sofort Anzeige erstattet wird, wenn sie etwas erzählen. Manche erleben das Geschehene beim Erzählen noch einmal sehr intensiv. Bei allem, was wir tun, muss es vor allem um die Interessen der Opfer gehen. In früheren Jahrzehnten haben wir versucht, den Ruf der Kirche zu schützen, indem wir die Täter zu sehr geschützt haben. Besteht nicht die Gefahr, dass wir jetzt auch wieder vor allem auf unser Image schauen?

Frage: Es geht also nicht darum, einen eigenen Rechtsraum der Kirche zu wahren?

Ackermann: Wir beanspruchen keinen Rechtsraum für uns, der mit der staatlichen Rechtsprechung konkurrieren würde.

Frage: Aber das Dokument über den "Schutz der heiligen Sakramente", das Papst Johannes Paul II. unter Federführung von Kardinal Ratzinger 2001 erlassen hat, beschreibt einen eigenen kirchlichen Rechtsraum.

Ackermann: Schauen Sie: Ich bin Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Da greift das bundesdeutsche Recht. Aber ich bin auch Katholik. Und in diesem Bereich der katholischen Kirche gilt das Kirchenrecht. Ob ich zum Beispiel als Priester aus dem Klerikerstand entlassen werde, das kann nicht die deutsche Justiz entscheiden.

Frage: Das heißt, das päpstliche Geheimnis, mit dem die Ermittlungen zum Missbrauch auch von Kindern belegt werden, gilt nur für diesen kirchlichen Raum?

Ackermann: Selbstverständlich. Die Geheimhaltungspflicht besagt nur, dass das kirchliche Verfahren mit größter Diskretion behandelt werden muss. Von staatlichen Behörden erwarten wir ja auch, dass sie diskret ermitteln.

Frage: Die Verletzung des Beichtgeheimnisses und der Missbrauch der Eucharistie werden rein kirchenrechtlich geahndet. Die Kirche stellt sexuellen Missbrauch in eine Reihe damit. Bedeutet das, dass sie auch sexuellen Missbrauch intern ahnden will?

Ackermann: Gegen die Missverständnisse, die es auf diesem Feld gibt, kämpfen wir seit Wochen. Es ist so: Wenn ein sexueller Missbrauch vorliegt, muss das der Bischof an die Glaubenskongregation nach Rom melden. Wenn schon die Staatsanwaltschaft ermittelt, kann es sein, dass Rom sagt: Okay, wir warten die Ermittlungen ab. In vielen Fällen ist es aber so, dass wir uns gar nicht die Zeit nehmen können und wollen, bis weltliche Gerichte ein Urteil gefällt haben. Da hilft uns dann das Kirchenrecht, sofort Maßnahmen ergreifen zu können.

Frage: Noch einmal: Wenn ich als Priester die Hostien wegwerfe, ist das kirchenrechtlich gesehen genauso schlimm wie Kindesmissbrauch. Stimmen da Ihre Maßstäbe?