Das Szenario der Gewalttat lieferte wohl "Summer Glau", die Roboterfrau aus einer amerikanischen Fernsehserie. Sie war offenbar die einzige Verbündete, die der eigenbrötlerische Gymnasiast Georg R. an seiner Seite zu haben glaubte, als er mit Molotowcocktails bewaffnet ins Ansbacher Carolinum-Gymnasium stürmte und 15 Menschen teils schwer verletzte.

Nun hat der Richter gesprochen, R. ist verurteilt. Mit neun Jahren Haft sowie der Unterbringung in der Psychiatrie blieb die Jugendkammer des Landgerichts Ansbach nur knapp unter der Höchststrafe.

Es war wohl der 17. September 2009, als R. beschloss, sich an allen zu rächen, die ihm vermeintlich im Weg standen. Im Tagebuch auf dem heimischen PC schrieb er nieder, wie er vorzugehen gedachte: Mit einem Flammenwerfer würde er das Carolinum-Gymnasium in Brand setzen, seine alte Schule. Um "Kinder zu rösten". Möglichst viele Lehrer, "diese Maden", wollte er ins Jenseits befördern. Sein Vorbild: der Amokläufer von Erfurt, dieser "coolste Ossi". Letztlich wollte er im "Kugelhagel der Bullen" triumphal zu Grunde gehen: ein Lonely Rider, heroisch gestorben im Kampf gegen den Rest der Welt.

Medien, auch das steht in seinem Computer, würde über ihn berichten. Über den "Loser und Versager ohne Erfolg und ohne Zukunft", wie ihn der Vorsitzende Richter in seinem Urteil bezeichnete. Um derart in die Schlagzeilen zu geraten, so der Tagebuchschreiber, reiche es nicht, sich selbst zu töten. Da müsse man schon die halbe Schule mit in den Tod nehmen. "Bei einem Schulmassaker bringen sie alles bis auf das kleinste Detail."

Dumm nur, so sinniert er, dass es dieses "absolut strenge deutsche Waffengesetz" gibt. Es sei so fast aussichtslos, an Pistolen oder Gewehre zu kommen.

Also bewaffnete sich Georg R. für seine Tat mit einer Axt, dem archaischsten aller Rachewerkzeuge, fünf selbst gebastelten Brandflaschen, mehreren Messern und einem Hammer. Er schlich sich in die 3. Etage seiner Schule. Dort, so wusste er, würden die meisten Schüler sein. Und dort träfe er mit Sicherheit nicht seine Schwester, ebenfalls Schülerin im Carolinum.

In der späteren Vernehmung sollte R. noch sagen, dass eine Klassenfahrt nach Rom unmittelbar bevorstand. Da wäre er wieder der Außenseiter gewesen. Unerträglich für einen, der von seiner Einzigartigkeit so überzeugt ist wie der Angeklagte.

Zehn Jahre, die Höchststrafe, hatte die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer gefordert und unterstrichen, dass der mittlerweile 19-Jährige nur dank seiner Reiferückstände noch nach dem Jugendstrafrecht angeklagt wurde. Als "hochkriminelle, allgemein gefährliche, arrogante Persönlichkeit" sah sie den Angeklagten. Dazu passte auch, dass Georg R. während es gesamten Verfahrens kein Wort der Reue oder des Schuldeingeständnisses über die Lippen brachte.

Die Kapuze eines Sweatshirts über den Kopf gezogen, mit Sonnenbrille und dunklem Schal unkenntlich gemacht, saß er in der Verhandlung. Während der Urteilsverkündung, bei der ihn Richter Bernd Rösch immer wieder persönlich und direkt ansprach, sank sein Kopf tiefer und tiefer – zumindest ein mimetisches  Reuebekenntnis. Förmlich erleichtert schien ihn die (zeitlich unbegrenzte) Einweisung in die Psychiatrie zu haben, der er ausdrücklich zustimmte. Vielleicht erhofft er sich hier, jenen Mangel an Empathie zu überwinden, der nicht nur kennzeichnend für seine Tat, sondern auch für den gesamten Prozessverlauf war.

Ein gerechtes, nachvollziehbares Urteil also, und das kleine Ansbacher Landgericht, wo seit dem Mord an Kaspar Hauser nichts mehr tatsächlich Spektakuläres sich ereignet hat, hätte Rechtsgeschichte schreiben können, wäre es nicht auf die absonderliche Idee verfallen, gleich nach dem Verlesen der Anklage die Öffentlichkeit, inklusive Medien, auszuschließen und erst zur Urteilsverkündung wieder hereinzubitten. Richter Bernd Rösch, ein bedächtiger, aber nicht unbedingt pressefreundlicher Mann, der beim Schlusstermin die zahlreichen Fotografen und Kamerateams recht harsch aus dem Saal wies, begründete den Ausschluss mit dem Schutz des Angeklagten vor Bloßstellung. Alle Opfer, so der Richter, hätten über das Vehikel der Nebenklage Zugang zu der Verhandlung bekommen können. Zum gerade in diesem Fall außerordentlich hohen öffentlichen Interesse kein Wort seitens der Kammer. Stattdessen schrieb sie den Medien zum Schluss noch eine Mahnung vor allzu reißerischer Berichterstattung ins Stammbuch, ganz so, als sei die Tat lediglich ein Thema auf dem Boulevard.

Statt Nachahmer zur Tat aufzurufen, hätte das Verfahren nämlich im Gegenteil  "eine Lehrstunde der Prävention"  werden können, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb und erinnerte an das hohe Prinzip öffentlicher Gerichtsbarkeit, das nur in Ausnahmefällen außer Kraft zu setzen ist. So wie in Ansbach. Dass zwei Pressesprecher vom OLG Nürnberg ausgeliehen werden und dann reportieren dürfen, was hinter verschlossenen Türen statt gefunden hat, geht jedenfalls nicht. Damit ist der verfälschenden Berichterstattung, und sei sie noch so unbeabsichtigt, Tür und Tor geöffnet. Das aber kann auch Richter Rösch nicht wirklich wollen.