Welche Geschichten verbinden Muslime mit christlich geprägten Deutschen und umgekehrt? In der Serie "Muslimische Momente" erzählen Politiker, Schriftsteller, Redakteure, Krankenschwestern und Arbeiter von ihren Berührungspunkten zwischen den Kulturen, Konfessionen und Glaubenswelten.

Die morgendliche Zusammenkunft beginnt um kurz nach acht an einer Berliner Haltestelle. Ich steige mit meiner Tochter in den Bus, der uns zum Kindergarten bringt, und treffe dort auf all die anderen Mütter mit ihrem Nachwuchs. Es sind überwiegend türkische Frauen, manche tragen Kopftuch, andere Jeans und Make-up. Man kennt sich inzwischen, grüßt einander und plaudert angeregt. Ein tägliches Ritual, fünf Tage die Woche.

Die Unterhaltung wechselt zwischen Türkisch und Deutsch. Zehn Minuten Smalltalk, so lange dauert die gemeinsame Fahrt, dann trennen sich unsere Wege. Auch Ayse nimmt jeden Morgen den Bus. Langsam haben wir uns angefreundet, so wie unsere Kinder. Auch Ayse trägt ein Kopftuch und wirkt zurückhaltend, fast schüchtern. Doch neulich sagt sie: "Ich möchte dich einladen." Zu einer kleinen Feier, nur Frauen und Kinder. Am Samstag darauf sitzen wir entspannt in ihrem Wohnzimmer, trinken Tee und reden über Familie und Identität.

"Dein Vater ist auch Moslem?" fragen Ayse's Freundinnen erstaunt nach. "Es ist schwierig, sich in Deutschland zu definieren. Das beginnt schon bei der Sprache", meint Emine, eine junge Grundschullehrerin. "Wenn Eltern mit ihren Kindern Englisch oder Französisch sprechen, finden das alle toll. Aber bei Türkisch heißt es immer, sprich mal lieber Deutsch." Natürlich wisse sie,
dass die Beherrschung der deutschen Sprache eine Voraussetzung für das Weiterkommen sei, und vermeidet dabei bewusst das Wort Integration. Aber es ärgere sie, dass ihr schlechtes Gewissen sie davon abhalte, mehr Türkisch mit ihrem Sohn zu reden.

Ayse bringt die Torte herein und stimmt das Geburtstagslied an: "İyiki doğdun, Leyla". Sie schenkt meiner Tochter einen Ring. "Jetzt musst du meinen Sohn heiraten. Das ist Tradition in der Türkei", sagt sie und zwinkert dabei. Die Kleine guckt skeptisch. "Mama, was ist eine Tradition?" will sie später wissen. Demnächst kommt uns Ayse besuchen. Ich hoffe, wir machen daraus eine Tradition.


Jeannine Kantara, 42, ist Redaktionsassistentin im
Hauptstadtbüro der ZEIT