Welche Geschichten verbinden Muslime mit christlich geprägten Deutschen und umgekehrt? In der Serie "Muslimische Momente" erzählen Politiker, Schriftsteller, Redakteure, Krankenschwestern und Arbeiter von ihren Berührungspunkten zwischen den Kulturen, Konfessionen und Glaubenswelten.

Es war einer dieser klirrend kalten Tage Ende Januar, spätabends schon, und es war ohnehin keine Freude, jetzt noch Zug fahren zu müssen. Bei der Kälte, zu der Uhrzeit stört man sich an jeder menschlichen Gesellschaft. Mir gegenüber saß eine junge Frau mit dunklen Augen und fest gebundenem Kopftuch, schwarze Lederjacke, neben sich ein riesiger Koffer.

Begegnungen zwischen Muslimen und den christlich-geprägten Deutschen. Serie © Zohra Bensemra/Reuters

Neben mir ein älterer Mann mit einem Goldzahn, und über Eck eine Frau mittleren Alters. Sie las einen Liebesroman, wie es sie am Kiosk gibt. Das Mädchen und der ältere Mann kannten sich nicht, waren aber gerade mit demselben Flugzeug aus Tunesien gekommen, wie sie mir zwischendurch kurz erklärte. Ansonsten sprachen sie Arabisch, und es fielen zahlreiche "Alhamdulillah"s und "Inshallah"s. Ich nahm an, dass sie sich über die bisher geglückten Reiseabschnitte (alhamdulillah) und die noch bevorstehenden (inshallah) unterhielten.

Irgendwann fing das Mädchen zu kichern an, schlug die Hand vor den Mund, wandte sich zu mir und sagte: "Stellen Sie sich vor, er hat 80 Kilo Gepäck dabei!" "Mit dem Flugzeug?" fragte ich. Er nickte. "Wie viele Koffer sind das?" "Drei Koffer und eine Tasche. Zum Glück holt mich mein Neffe am Bahnhof ab." "Und was haben Sie da drin?" "Orangen" sagte er. Sein Goldzahn blitzte. Ich hatte das Gefühl, wir kannten uns schon gut genug, dass ich ihn ein wenig aufziehen könne. "Klar, die gibt's hier ja auch nicht zu kaufen." "Solche Orangen, die gibt's hier nicht!"

Er stand auf, verschwand hinter unseren Sitzen im Mittelgang und kam mit einer Orange wieder. Stiel und Blatt hingen noch daran. Die Schale ließ sich schwer ablösen. Orangenduft breitete sich im Abteil aus. Sie schmeckte süß und saftig. Ich rollte mit den Augen und versicherte, eine so gute Orange hätte ich noch nie gegessen. "Nicht wahr?" sagte er. Die Frau mit dem Liebesroman schaute über den Rand ihrer Lesebrille herüber. "Möchten Sie auch mal probieren?" fragte ich. Sie schüttelte den Kopf. Sie vertrage keine Orangen. "Probieren Sie, probieren Sie!" rief der Tunesier enthusiastisch.

Also nahm sie eine halbe Orange, probierte sie und sagte, dass es wirklich eine unglaublich gute Orange sei. Der Tunesier war sehr zufrieden. "Solche Orangen bekommen in Deutschland nur Prominente. Die werden nur an spezielle Geschäfte und Hotels geliefert." Nochmals verschwand er hinter den Sitzen und kam mit einer phänomenal dicken und langen roten Paprika wieder: "Stimmt's, so eine Paprika haben Sie noch nicht gesehen?" Das konnten wir nur bestätigen. Außerdem dabei hatte er Datteln – er zeigte uns zwei volle Rispen – und tunesische Kekse.