Welche Geschichten verbinden Muslime mit christlich geprägten Deutschen und umgekehrt? In der Serie "Muslimische Momente" erzählen Politiker, Schriftsteller, Redakteure, Krankenschwestern und Arbeiter von ihren Berührungspunkten zwischen den Kulturen, Konfessionen und Glaubenswelten.

Begegnungen zwischen Muslimen und den christlich-geprägten Deutschen. Serie © Zohra Bensemra/Reuters

Sie kennt uns alle, sie weiß, wer zu wem gehört, wer welche Vorlieben, wer welche Macken hat. "Dein Mann war letztens wieder ohne Geld einkaufen. Manchmal frage ich mich, wo der seinen Kopf hat", sagt sie. Oder: "Findest du nicht, deine Tochter brauchte mal neue Schuhe?" Nur einmal im Jahr, im Ramadan, wird ihre spitze Zunge ganz stumpf. Dann steht unsere türkische Tante Emma, das dunkle Kopftuch tief in die Stirn gezogen, hinter ihrer Registrierkasse, gibt wortlos das Wechselgeld heraus, den Blick immer auf die Uhr gerichtet.

Sie ist die einzige gläubige Muslima in unserer sehr langen, sehr deutschen Straße in Berlin Prenzlauer Berg, und normalerweise
weiß sie ihren Exotenstatus zu nutzen. Sie verkauft türkische Alltagsprodukte, Oliven, Schafskäse, Auberginencreme in Feinkostportionen zu Feinkostpreisen. Sie hat sogar türkisches Biogemüse und Sojamilch ins Sortiment genommen. Doch im Fastenmonat Ramadan gehen wir ihr mit unseren Konsum- und Gesundheitsproblemen gehörig auf die Nerven.

Einmal habe ich sie gefragt, ob es hart sei, im Lebensmittelladen zu stehen und nicht zu essen, da hat sie bloß müde mit den Schultern gezuckt. Ramadan sei Ramadan, in Neukölln esse dann niemand. "Doch weißt du, was das Schlimmste ist?" Man
werde fett beim Fasten, die nächtliche Fresserei haue ordentlich rein. "Hinterher muss ich dann noch eine Diät machen", sagte sie und genoss meinen blöden Blick. Sie weiß, dass wir denken, eine Frau, die ihren Körper unter langen Gewändern versteckt, interessiere sich nicht für ihren Körper. Sie ist lange genug hier, um unsere Vorurteile zu kennen.

Stefanie Flamm, 39, ist Redakteurin der ZEIT