Die Aschewolke des isländischen Vulkans sorgt weiter für Stillstand im Luftraum über Europa und erstreckt sich jetzt in zwei Ausläufern über dem Kontinent. Die Folgen dieser beispiellosen Situation treffen Millionen Reisende. In Deutschland wurde die Sperrung des Luftraums bis mindestens Sonntagmorgen acht Uhr verlängert.

Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass auch am Sonntag nicht über Deutschland geflogen werden kann. Denn der Vulkan spuckt weiter Asche in die Atmosphäre. Wie das Meteorologische Institut in Reykjavik am Samstagmorgen mitteilte, gab es in der Nacht keine Veränderungen der Aktivitäten. Der Wind weht weiter in südliche Richtung. Das bedeutet, dass die Aschewolke weiter auf Europa zutreibt. Das Wetter im südlichen Island sei gut. Deshalb wird zunächst auch kein Regen das Aufsteigen der Vulkanwolke in große Höhen und damit die Ausbreitung über Europa verhindern.

Die Wolke hängt wie eine gespreizte Zange über Skandinavien und Mitteleuropa und schiebt sich weiter in Richtung Südosten. Nur über Litauen, Lettland und Weißrussland war noch eine Lücke. Im Süden sind bislang nur noch Portugal, Spanien, Mittel- und Süditalien, Teile des Balkans, Griechenland und ein schmaler Gürtel an der Schwarzmeer-Region noch nicht von Luftraumsperrungen betroffen. In einigen Gebieten Europas ist der obere Luftraum zwar prinzipiell offen, je nachdem wie hoch sich die Asche gerade verwirbelt. Diese Gebiete sind wegen der geschlossenen umliegenden Räume aber meistens nicht erreichbar.

Über Europa wurden am Samstag deshalb nur etwa 6000 von 22.000 Flügen erwartet, teilte die Flugsicherheitsbehörde Eurocontrol in Brüssel mit. Die Teilchen aus der Vulkanasche könnten Flugzeugtriebwerke beschädigen und Sensoren verstopfen. Außerdem könnten sie die Sicht der Piloten beeinträchtigen.

Trotz der Sperrung des deutschen Luftraums hat die Lufthansa leere Maschinen von München nach Frankfurt geflogen, damit sie  schon am richtigen Ort sind, wenn der Passagierverkehr wieder aufgenommen werden kann. Techniker entdeckten an der ersten Maschine nach der Landung keine Schäden durch Vulkanasche. Daraufhin machten sich am Nachmittag nach und nach neun weitere Maschinen ohne Passagiere auf den Weg von München nach Frankfurt. Die Flugzeuge flogen nicht auf der üblichen Route, sondern nur nach Sichtflugregeln in einer Höhe von bis zu 3000 Metern.

Viele Millionen Euro an Kosten für die europäische Luftfahrt

Derweil gab die Deutsche Flugsicherung bekannt, dass der Hamburger Flughafen bis Sonntagnachmittag gesperrt bleibt. "Bis Sonntag um 14 Uhr wird es keine Starts und Landungen geben", sagte Flughafensprecherin Stefanie Harder. Betroffen seien mehr als 20.000 Passagiere. Sie rät allen Reisenden, nicht zum Flughafen zu kommen, sondern ihre Fluggesellschaften anzurufen und die Flüge umbuchen zu lassen. In der Schweiz, in Österreich, Großbritannien, Belgien sowie im Norden Italiens sind Airports bis zunächst mindestens Samstagabend gesperrt.

Frankreich verlängerte die Schließung der Pariser Großflughäfen bis Montag. Alle Flughäfen nördlich der Linie Nantes-Lyon blieben bis Montag um 8 Uhr außer Betrieb, sagte Premierminister François Fillon in Paris nach einer Krisensitzung mit den zuständigen  Ministern. Die Flugverbotszone wurde weiter nach Süden ausgedehnt.

Auch in Spanien sind die Auswirkungen der Aschewolke deutlich zu spüren. Auf den Kanarischen Inseln hingen bis Freitagabend rund 20.000 Urlauber fest. Allein auf Teneriffa warteten rund 13.000 Menschen vergeblich auf die Abreise. Insgesamt waren von den 275 ausgefallenen Starts und Landungen auf den Kanaren rund 30.000 Reisende betroffen. Auch auf  Mallorca und den übrigen Balearen-Inseln saßen tausende Touristen fest. Die am Freitag gestrichenen Starts und Landungen trafen dort rund 35.000 Reisende.

Nach Einschätzung von Fachleuten verursacht die Lähmung des Flugverkehrs in Europa täglich Kosten in Höhe von 200 Millionen Dollar. Das entspricht 147,3 Millionen Euro. Dies sei eine "erste vorsichtige Schätzung", hieß es in einer am Freitag veröffentlichten Mitteilung eines Sprechers des Weltluftfahrtverbandes IATA in Genf. "Bei dem derzeitigen Störungsgrad" lägen die Kosten für die Fluggesellschaften bei täglich mehr als 200 Millionen Dollar, sagte IATA-Sprecher Anthony Concil. Neben den Einnahmeverlusten kämen weitere Kosten hinzu, etwa für die Änderung der Flugrouten oder die Betreuung festsitzender Maschinen und Passagiere.

Noch keine Gesundheitsgefährdung durch Asche

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wies darauf hin, dass Menschen mit Asthma, Bronchitis oder Lungenaufblähung wegen der Miniteilchen in der Aschewolke Probleme bekommen könnten. Allerdings nur, wenn die kleinen Partikel, die zurzeit noch in hoher Höhe fliegen, auf die Erde fallen. "Wer draußen etwas in Rachen oder Lunge spürt, eine laufende Nase oder juckende Augen bekommt, sollte ins Haus gehen und seine Aktivitäten draußen begrenzen", sagte WHO-Gesundheitsexpertin Maria Neira.

Bahn setzt zusätzliche Züge ein

Die Deutsche Bahn setzte für die vielen Flugreisenden, die ihre Pläne ändern mussten, mehr Züge und Personal ein. Volle Züge werde es vor allem auf den ICE-Verbindungen zwischen den großen deutschen Flughäfen Frankfurt/Main, München, Hamburg, Düsseldorf und Berlin geben. Südlich von Hamburg musste der Fernverkehr zudem eingestellt werden, weil ein brennendes Fahrzeug Gleisanlagen beschädigt hatte.

Überführung toter Soldaten verzögert sich

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und die fünf bei einem Anschlag in Afghanistan verwundeten Soldaten sitzen wegen des Naturereignisses noch in Istanbul fest. Sie waren am Freitag in einem speziell für Verletztentransporte ausgestatteten Medevac-Airbus vom Hindukusch gestartet, konnten wegen der Aschewolke aber nicht nach Deutschland zurückkehren. In Istanbul werden die Verletzten in einem amerikanischen Militärhospital versorgt. Ob sie am Samstag noch weiter fliegen können, ist unklar.

Auch die Überführung der vier in Afghanistan getöteten Bundeswehr-Soldaten verschiebt sich wegen der Aschewolke. Das Flugzeug, das die Toten und Generalinspekteur Volker Wieker abholen solle, könne wahrscheinlich erst am Sonntag starten, sagte ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums. Die Trauerfeier in Masar-i-Scharif für die Gefallenen werde daher wohl erst am Montag stattfinden.

Kanzlerin zu Umwegen gezwungen, Obama kommt

Bundeskanzlerin Angela Merkel konnte ebenfalls nicht nach Deutschland zurückkehren. Sie fliege von Lissabon zunächst nach Rom, hieß es in Regierungskreisen. Wie die Kanzlerin dann weiterreist, war noch unklar. Merkel hatte am Freitag auf ihrer Rückreise aus den USA einen Zwischenstopp in der portugiesischen Hauptstadt einlegen müssen, weil der Luftraum gesperrt war. Offen war auch noch, wie Merkel, Außenminister Guido Westerwelle (FDP) und Bundespräsident Horst Köhler an diesem Sonntag zur Trauerfeier für Polens Präsident Lech Kaczynski und seine Frau reisen.

Derweil sind die ersten acht Absagen für das Staatsbegräbnis eingegangen. Darunter sind der Präsident von Mazedonien, Djordje Ivanov und der südkoreanische Regierungschef Chung Unchan. Angemeldet waren ursprünglich Vertreter von 98 Staaten. Präsident Barack Obama hat ungeachtet der Aschewolke angekündigt, an der Beerdigung seines verunglückten polnischen Kollegen teilzunehmen. Obama wollte sich am Samstagabend auf den Weg nach Krakau machen, teilte das Weiße Haus mit. Am Montag wolle er  demnach den Rückflug nach Washington antreten.