Es handele sich bei den Äußerungen des päpstlichen Hauspredigers Raniero Cantalamessa nicht um die offizielle Position des Vatikan, sagte der Vatikan-Sprecher Federico Lombardi. Cantalamessa hatte die Kritik an der Kirche im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche mit dem Antisemitismus verglichen. Vertreter des Judentums reagierten empört.

Der persönliche Prediger von Papst Benedikt XVI. hatte am Karfreitag bei einem Gottesdienst im Petersdom in Anwesenheit des Papstes einen Auszug aus dem Brief eines jüdischen Freundes vorgelesen. In der Missbrauchsdebatte würden Stereotypen verwendet und die persönliche und kollektive Verantwortung verwechselt, zitierte Cantalamessa aus dem Brief. Das erinnere an die "schändlichsten Aspekte des Antisemitismus". Der Autor erklärte zudem, er habe die Attacken gegen die Kirche und den Papst mit Empörung verfolgt.

"Die Angriffe gegen den Papst wegen des Pädophilieskandals in die Nähe des Antisemitismus zu rücken, ist nicht die Linie des Heiligen Stuhls", sagte der Vatikan-Sprecher Lombardi dem Sender Radio Vatikan. Cantalamessa habe zwar lediglich die Solidaritätsbekundung eines Juden "im Licht der besonderen Leidenserfahrung seines Volkes" bekannt machen wollen. Durch das Zitat hätten jedoch "Missverständnisse" entstehen können, räumte Lombardi ein.

Vertreter des Judentums und von Missbrauchsopfern hatten zuvor mit Empörung auf die Äußerungen reagiert. Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, sagte, ein solcher Vergleich sei eine "Frechheit". Es sei die übliche Methode der katholischen Kirche, eigene Verfehlungen zu vertuschen und zu verdecken.

Roms Oberrabbiner Riccardo Di Segni kritisierte den Antisemitismus-Vergleich als "geschmacklos" und "unangebracht". Die Äußerungen Cantalamessas seien umso deplatzierter, da der Karfreitag "der unheilvollste Tag in der Geschichte der Beziehungen zwischen Christen und Juden" sei, sagte er der Zeitung La Stampa.

Auch der US-Rabbiner Gary Greenebaum, der im American Jewish Committee für die interreligiösen Beziehungen zuständig ist, bezeichnete die Äußerungen als "unangebracht". Der Gründer des Simon-Wiesenthal-Zentrums, Rabbi Marvin Hier, verlangte eine Entschuldigung des Papstes. Die Äußerungen seines Hauspredigers seien "beschämend, falsch und eine völlige Verdrehung der Geschichte".

US-Missbrauchsopfer erklärten, die Aussagen seien eine "Beleidigung" für die Opfer sexueller Gewalt und die Juden. Es sei traurig, dass sich ein hoher Vatikan-Vertreter so "gefühllos" äußere, sagte David Clohessy von der Vereinigung Snap, in der sich Opfer von Missbrauch durch Priester zusammengeschlossen haben.

Die Osterfeierlichkeiten sind in diesem Jahr von den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche überschattet. Der Papst steht in der Kritik, weil er bislang noch keine offizielle Erklärung zu den Missbrauchsfällen in Deutschland abgegeben hat. Auch während der traditionellen Karfreitagsprozession äußerte er sich nicht zu dem Missbrauchsskandal. Höhepunkt der Osterfeiertage ist die Messe auf dem Petersplatz in Rom am Sonntag, bei der der Papst den Segen "Urbi et Orbi" ("Der Stadt und dem Erdkreis") sprechen wird.