Als Schleswig-Holsteins Innenminister Klaus Schlie kürzlich das "Charter" – quasi den "Ortsverband" – der Hells Angels in Flensburg verbot, tat er das mit folgernder Begründung: Der vermeintliche "Motorradclub" wolle in der Region kriminelle Macht entfalten und mit Gewalt durchsetzen. Ein viel einflussreicheres "Charter" treibt dagegen weiter sein Unwesen. Es ist der bundesweit mächtigste Ableger der Hells Angels: das "Charter" in Hannover, angeführt von Frank Hanebuth. Gegen diese Organisation scheinen Polizei und Justiz  weitgehend machtlos zu sein. Sind die "Höllenengel" in der niedersächsischen Landeshauptstadt also weniger kriminell als ihre "Brüder" in Flensburg – oder gehen sie lediglich gerissener vor?

Erhellend ist der Blick in interne Polizeidokumente, die der Tageszeitung Weser-Kurier zugespielt wurden. Darin legte die Polizei bereits vor zehn Jahren dar: In der nächtlichen Glitzerwelt von Hannovers Party- und Rotlichtquartier Steintor führen Hanebuth und sein "Club" nicht nur ein strenges Regiment, dem sich Prostituierte und Bordellbetreiber unterzuordnen haben. Im Hintergrund entstand mit den Jahren auch ein weit verzweigtes Netzwerk aus Kontakten – unter anderem zu renommierten Rechtsanwälten und einflussreichen Unternehmern. Ein Netzwerk, in dem der Hannoveraner Rechtsanwalt Götz von Fromberg und der Garbsener Sicherheitsunternehmer Wolfgang Peter Schlüsselrollen spielen sollen.

Namens seines langjährigen Mandanten Hanebuth beschwerte sich der renommierte Strafverteidiger von Fromberg am 24. Februar 1999 bei Hannovers Polizeipräsident Hans-Dieter Klosa und Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg. Von Fromberg hatte einiges an arbeitsrechtlichen Vorschriften für ausländische Frauen auszusetzen. Müssten sich "deutsche Bordellbetreiber" wie Hanebuth daran halten, könnten sie ihre Etablissements gleich ganz zumachen. "Es bedarf keiner großen Phantasie, um herauszufinden, wer dann in das hannoversche Steintor-Milieu einzieht", prophezeite der Anwalt. Er meinte damit keineswegs Hanebuths Rocker, sondern offenbar gefährliche ausländische Banden.

Heute kann sich von Fromberg an dieses Schreiben nicht mehr erinnern. "1999 ist lange her", schreibt er auf Anfrage des Weser-Kurier. Sehr wohl erinnern kann er sich jedoch heute noch, wie er im selben Jahr vor dem Präventivrat der Stadt Hannover einen Vortrag hielt. Darüber, "wie man das Steintor befrieden und modernisieren kann". Dieser Vortrag sollte dann "verschiedenen Behörden" bei ihrer "internen Beurteilung" helfen.

In seinem in Vergessenheit geratenen Schreiben erwähnte von Fromberg diesen Vortrag ebenfalls. Doch nicht nur der "Befriedung" des Steintors galt damals die Sorge des Rechtsanwalts, sondern auch der Allgemeinheit. Nach Schließung der Bordelle "deutscher" Betreiber fielen die Frauen "der Sozialhilfe zur Last" und würden "in Wohnungen der Prostitution nachgehen", schrieb von Fromberg, damit wachse nicht zuletzt die "Gesundheitsgefahr für die Freier".

Was Polizeibeamte von diesen Einlassungen hielten, zeigt ein interner Bericht vom 18. Januar 2000. Von Fromberg arbeite "nicht etwa im wohl verstandenen Interesse der Prostituierten", sondern einzig für den "Vermögensvorteil deutscher Bordellbetreiber", schrieben Ermittler der Abteilung Organisierte Kriminalität.

Die Kripoexperten arbeiteten seit 1997 verdeckt in Garbsen und gingen dem Verdacht auf Menschenhandel und andere Milieutaten gegen Hanebuths Rockertruppe nach. Ein schwieriges Unterfangen: Die Polizisten mussten ein unübersichtliches Geflecht aus Bordellen, Firmen und Immobilien analysieren, in dem zahlreiche Strohleute und vertragliche Regelungen die wahren Besitzverhältnisse und Geldströme undurchsichtig machten. Viele Verträge in diesem Netz hatte Götz von Frombergs Kanzlei aufgesetzt.

Formal trat Hanebuth darin nicht als Bordellbetreiber auf. Via Telefonüberwachung wiesen die Garbsener Ermittler dem Rockerboss akribisch nach, in welchen Bordellen er dennoch das Sagen hatte.

Die Beamten fanden heraus, dass in den Bordellen am Steintor ausländische Frauen gefälschte Pässe hatten oder bereits im Alter von 17 Jahren mit der Prostitution begannen. Die Frauen müssten ihre überhöhten Zimmermieten auch zahlen, wenn sie nicht arbeiten, einige von ihnen seien daher hoch verschuldet.

Nach den Polizeiunterlagen verdiente Hanebuth nicht nur an den Zimmermieten: An den Bordelleingängen im Steintor standen schon damals Männer seiner Sicherheitsfirma. Die GAB-Security-GmbH betreibt Hanebuth seit 1993 zusammen mit "Clubbruder" und Bordellbetreiber Wolfgang Heer. Die Firma tritt öffentlich als "Bodyguard Security" auf, unter ihren Mitarbeitern sind zahlreiche Rocker, sie bewachen heute fast alle Kneipen, Diskotheken, Bars und Bordelle im Steintor.

Ein V-Mann berichtete der Polizei im Oktober 2001: Gernot S.*, ein Hells Angel aus Hanebuths "Charter", habe ihm erklärt, wie der "Motorradclub", Hanebuths Sicherheitsfirma und seine Bordelle "kooperieren". Der Club leihe den laut Gernot S. meist "hirnlosen" Rockern 30.000 bis 40.000 D-Mark für ihr Harley-Davidson-Motorrad. Diesen Kredit würden die Männer dann abarbeiten. Die meisten als Türsteher, andere als Bordellwirtschafter. Selbstverständlich würden bei diesem Deal kräftig Zinsen fällig, auch unter "Clubbrüdern" habe schließlich niemand "etwas zu verschenken". Allein auf diese Weise lande allmonatlich viel Geld in Hanebuths Kasse, zitierte der Spitzel den Rocker.