Ihr Auftritt geriet zum Triumphzug: Margot Käßmann , ehemalige Bischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), hatte sich auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag in München zu einer Bibelauslegung angekündigt. Rund 6000 Menschen in der völlig überfüllten Messehalle empfingen sie mit Applaus. "Danke, das tut mir gut", sagte die Geistliche, die wegen einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss von ihren Ämtern zurückgetreten war .

In ihrer Bibelauslegung ließ Käßmann persönliche Erfahrungen wie ihre Scheidung und ihre Krebserkrankung einfließen. "Wir kennen als Christinnen und Christen keinen Gott, der nur das Perfekte gelten lässt und alles andere verachtet." Die Menschen seien bei aller Mühe um Makellosigkeit am Ende doch nur "Mängelexemplare".

Zudem kritisierte Käßmann erneut die Afghanistan-Politik. Sie sagte, die Aufstockung der Ausgaben für die Schutztruppe sei im Vergleich zu den weit geringeren für die Entwicklungshilfe unverhältnismäßig: "Ich jedenfalls kann darin keinen 'Vorrang für zivil' sehen, wie wir ihn als evangelische Kirche immer gefordert haben." Sie lasse sich von ihren Kritikern gern Naivität vorwerfen. Im Hinblick auf einen baldigen Frieden in Afghanistan halte sie aber ein gemeinsames Gebet mit Taliban in deren Zelt für zielführender als das Bombardement von Tanklastern, sagte Käßmann mit Blick auf den verheerenden Luftangriff bei Kundus vom vergangenen September.

Auf dem Ökumenischen Kirchentag treffen sich etwa 125.000 Katholiken, Protestanten und orthodoxe Christen, um sich auszutauschen. Die fünftägige Veranstaltung steht unter dem Leitwort "Damit ihr Hoffnung habt."

Am Vortag hatten 80.000 Menschen die drei Gottesdienste zur Eröffnung des Ökumenischen Kirchentags besucht. Wie ein roter Faden ging es dabei um verlorenes Vertrauen und die Glaubwürdigkeitskrise der Kirchen durch die Missbrauchsskandale . Papst Benedikt XVI. mahnte die Teilnehmer in einem schriftlichen Grußwort, sich nicht von der Kirche abzuwenden – sie sei ein Ort der Hoffnung. Zudem verurteilte er erneut mit scharfen Worten die sexuelle Gewalt unter Geistlichen: "Es gibt das Unkraut gerade auch mitten in der Kirche und unter denen, die der Herr in besonderer Weise in seinen Dienst genommen hat."

Bundespräsident Horst Köhler verwies auf die großen Verdienste der Kirchen für eine soziale und humane Welt. Auch die Veranstalter riefen dazu auf, sich nicht entmutigen zu lassen, sondern als Christen Weltverantwortung zu übernehmen und sich für Fortschritte in der Ökumene einzusetzen.

Neben Köhler besuchten auch andere hochrangige Politiker den Kirchentag. Am Donnerstag forderte SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier während einer Podiumsdiskussion eine neue Wirtschaftspolitik. "Wir müssen wissen, dass wir uns nicht in einer der wirtschaftlichen Dellen befinden", sagte der Ex-Außenminister. Vielmehr stehe "der ganze Organismus infrage." Die Politik müsse deshalb das Primat der Märkte brechen. Steinmeier erneuerte in diesem Zusammenhang seine Forderung nach einer Steuer auf Finanzmarkttransaktionen.

Derweil machte sich Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) dafür stark, dass die christlichen Kirchen eine stärkere theologische Auseinandersetzung mit dem Islam suchen. Für den Vorschlag, auch die islamischen Gemeinschaften wie Kirchen als Körperschaften des öffentlichen Rechts anzuerkennen, zeigte sich de Maizière grundsätzlich offen: "Kann man machen, sollte man machen", sagte er. "Es wird nur ein bisschen dauern."