Dienstagmorgen in der Rechtsantragstelle des Amtsgerichts Köln. Rechtspfleger Keßler bittet das Ehepaar Dornhäuser* (beide 60) aus Köln-Porz um Personalausweise, Heiratsurkunde und eine Bestätigung, dass beide die Antragsgebühr von 30 Euro bei der Gerichtskasse entrichtet haben. Wie lautet Ihre Postleitzahl? Wo wurden Sie getauft? Aus welcher Kirche wollen Sie austreten? Das Ehepaar bekommt eine Bescheinigung, mit der es beim Einwohnermeldeamt die Lohnsteuerkarte ändern lassen kann. Ein Prozedere von fünf Minuten, und Margot und Werner Dornhäuser sind nicht mehr Mitglieder der katholischen Kirche. Für Keßler sind sie heute bereits der neunte und zehnte Kirchenaustritt – und der Arbeitstag hat erst vor einer guten halben Stunde begonnen. Im Wartezimmer nebenan sitzen schon die nächsten vier Antragsteller mit ihren Nümmerchen in der Hand.

"Im Verhältnis zu den vergangenen Jahren sind die Zahlen zwar rückläufig, aber im März und April haben sich die Kirchenaustritte im Vergleich zu Januar und Februar stark erhöht", sagt Keßler, der seit acht Jahren in der Rechtsantragsstelle arbeitet. Allein für März verzeichnet die Statistik des Amtsgerichts, dass mit 459 deutlich mehr Kölner der katholischen Kirche den Rücken zugewandt haben als im Januar (234) und Februar (159).

Obwohl keine Gewissensprüfung erfolgt und die Beweggründe von der Statistik nicht erfasst werden, sprechen die Leute Keßler gegenüber immer mal wieder über ihren Anlass zum Austritt. So ist der Rechtspfleger ziemlich sicher, dass die Nachrichten über Missbrauchsfälle in den vergangenen Wochen und die Reaktionen der Kirche eine wichtige Rolle für den Anstieg der Kirchenaustritte gespielt haben: "Viele überlegen länger schon, aus der Kirche auszutreten, aber jetzt reicht es ihnen. Man kann schon raushören, dass die Ereignisse der vergangenen Wochen für viele ein wichtiger Grund sind". So auch für die Dornhäusers: "Die römisch-katholische Kirche hat sich in den letzten Jahren viel zu Schulden kommen lassen. Sie hat Leute geschützt, die Kinder missbrauchen und stellt die Missbrauchten an den Pranger", beklagen sie. "Deshalb haben wir jetzt einen Schlussstrich gezogen."

Auch Andreas Mombauer, 24, ist aus der katholischen Kirche ausgetreten. Für ihn war die Verschleierung der Skandale durch die Kirche der wichtigste Grund. Er hofft, dass noch viele denselben Schritt machen werden wie er: "Wenn mehr Leute austreten, wird der Kirche vielleicht auch klar, dass es so nicht weitergehen kann."

Für viele, die sich in den letzten Wochen für den Austritt entschieden haben, scheint der Schritt durchaus eine Gewissensfrage zu sein. Aber natürlich spielen auch jetzt andere, ganz profane Gründe eine Rolle. Keßler schätzt, dass immer noch die meisten Menschen aus der Kirche austreten, um Geld zu sparen. "Ich denke, das macht 90 Prozent aus." Auch Hendrik Nieße, 29, ist mit seinem Austritt eher zufällig in die "Skandal-Aussteigerwelle" geraten. "Bis ich 15 war, war ich Messdiener. Schon als ich damit aufgehört habe, war mir klar, dass ich aus der Kirche austreten möchte. Ich habe es vor mir hergeschoben, bis ich Steuern zahlen musste. Jetzt ist es soweit." Das Geld will er lieber an eine Organisation spenden, mit der er sich identifizieren kann.

Ähnliches haben auch Andreas Mombauer und die Dornhäusers vor: "Es gibt genug arme Menschen, die man mit dem Geld unterstützen kann. Und der Kindergarten unserer Enkelkinder freut sich über eine Spende." Abgesehen davon bleibt alles beim Alten: Hendrik Nieße bleibt der Kirche fern. Die Dornhäuser, beide im christlichen Glauben aufgewachsen, bleiben gläubig. Und Andreas Mombauer wird weiterhin Weihnachten und Ostern in die Kirche gehen.

*Name von der Redaktion geändert